
EMT boomt – doch Palmas Straßen bleiben verstopft
Die EMT verzeichnet einen deutlichen Fahrgastzuwachs — von 40 auf 60 Millionen Fahrten. Trotzdem staut sich der Verkehr auf den Hauptachsen weiter. Warum der Buserfolg auf dem Papier auf der Straße kaum spürbar ist und welche Schritte jetzt nötig wären.
Warum bleiben Palmas Straßen voll, obwohl die Busse platzmäßig aus allen Nähten platzen?
Die Zahlen sind eindrucksvoll: In nur zwei Jahren sind die Fahrgastzahlen der städtischen EMT-Busse von rund 40 auf etwa 60 Millionen Fahrten gestiegen. Ein Grund zur Freude — und doch hat man beim morgendlichen Blick aus dem Café am Passeig Mallorca kaum das Gefühl, dass etwas Grundlegendes anders geworden ist. Auf der Straße das gewohnte Geräusch: Hupen, Motoren, Baustellenlärm und das gelegentliche Kreischen der Möwen über der Plaça d'Espanya.
Das Paradox: volle Busse, volle Straßen
Wer zwischen 8 und 9 Uhr an den großen Achsen steht, sieht volle Busse an den Haltestellen und nebenbei immer noch rund 14.300 Fahrzeuge pro Tag auf wichtigen Einfallstraßen. Das erklärt sich nicht durch einen Fehler in der Statistik, sondern durch ein Nebeneinander von Mobilitätsverhalten und Siedlungsentwicklung.
Zwei nicht ganz offensichtliche Mechanismen stechen hervor: Zum einen wurde ein Teil der neu gewonnenen Buskunden offenbar von kurzen Fußwegen abgesogen — Menschen, die vorher fünf, zehn Minuten zu Fuß gegangen wären, bevorzugen jetzt den Bus. Das verbessert zwar die Zugkraft des ÖPNV, reduziert aber nicht automatisch die Autonutzung auf den Hauptachsen. Zum anderen wächst die Stadt: mehr Einwohner, mehr Arbeitsplätze, mehr Lieferverkehre — und damit bleibt der Pkw-Bestand hoch.
Gewohnheit und Alltag – harte Konkurrenten des ÖPNV
Ein alter Nachbar, Taxifahrer seit über einem Jahrzehnt, bringt es trocken auf den Punkt: „Auf dem Papier sieht alles toll aus. Auf der Straße zählt das Klackern der Scheinwerfer.“ Und er hat recht. Der typische Morgenablauf vieler Familien — zwei Kinder zur Schule, ein Einkauf, ein Abstecher zur Arbeit — lädt dazu ein, das Auto zu nutzen. Busse sind wunderbar, aber häufig nicht das flexiblere Werkzeug, wenn mehrere Zwischenstopps und Einkaufstüten im Spiel sind.
Hinzu kommt die letzte Meile. Haltestellen sind nicht immer optimal gelegen, Direktverbindungen fehlen, Umstiege dauern zu lange. In einem Ort, in dem die Sonne früh auf Mallorca scheint und das Leben draußen stattfindet, zählt jede Minute Wartezeit.
Was in der öffentlichen Debatte oft zu kurz kommt
Es geht nicht nur um mehr Busse. Untersucht man die Situation tiefer, fallen drei weniger beachtete Punkte auf: die Rolle von Lieferdiensten und Gewerbefahrten in den Stoßzeiten, die Parkraummanagement-Politik und die fehlende Integration zwischen ÖPNV und anderen Mobilitätsformen (Fahrräder, E-Scooter, Mitfahrangebote).
Lieferverkehr sorgt auf engen Stadtstraßen für temporäre Blockaden, Parksuchverkehr verstopft die Nebenachsen, und wenn die Parkgebühren niedrig sind, bleibt das Auto als Standardoption attraktiv. Gleichzeitig werden Fahrradachsen oft nur halbherzig umgesetzt: eine provisorische Markierung reicht nicht, um Autofahrer von ihren Gewohnheiten abzuhalten oder Radfahrer sicher zu machen.
Konkrete Hebel – nicht nur warmes Reden
Wenn Palma wirklich spürbar weniger Autoverkehr will, braucht es ein Bündel aus Maßnahmen, keine Einzelsiege. Einige Vorschläge, die praktikabel und lokal umsetzbar sind:
1. Parkraumbewirtschaftung verschärfen: Höhere Gebühren, weniger Kurzzeitparkplätze in zentralen Bereichen, mehr Park-and-Ride am Stadtrand. Das lenkt Suchverkehr aus der Innenstadt.
2. Signalisierung und Buspriorität: Ampelvorrang für Busse, ausgebaute Busspuren mit physischer Trennung auf Hauptachsen. Ein Bus, der an jeder Ampel stehenbleibt, verliert Fahrgäste.
3. Last-Mile-Konzepte: Mikro-Shuttles, verlässliche Fahrradstationen und sichere Abstellflächen für Lastenräder. Es reicht nicht, nur zum Bus zu kommen — der Anschluss muss sitzen.
4. Lieferfenster und Logistikzentren: Zeitfenster für Lieferungen in der Innenstadt und kleine Umschlagpunkte am Rand könnten große Lkw-Verkehre in den Stoßzeiten vermeiden.
5. Pilotprojekte und transparente Daten: Kurze Pilotphasen für Verkehrsberuhigungen an kritischen Achsen, begleitet von offenen Fahrplandaten und Verkehrsmessungen. So wird sichtbar, was wirklich wirkt.
Blick nach vorn — und ein realistischer Takt
Palma hat die technischen Voraussetzungen: eine gut ausgebaute EMT, mutige Verkehrsplaner und eine Stadt, die sich verändern kann — wenn der Druck von Politik, Handel und Bewohnern stimmt. Kurzfristig helfen dichtere Takte auf wichtigen Linien, klarere Haltestellen und bewusst platzierte Parkhäuser am Stadtrand. Mittelfristig braucht es allerdings eine härtere Debatte über Parkraum, Lieferströme und die Priorisierung des öffentlichen Raums zugunsten von Fußgängern und Radfahrern.
Bis dahin bleibt das morgendliche Bild: volle Busse an der Haltestelle, hupende Autos auf der Fahrbahn und auf der Plaça weiterhin das tägliche Durcheinander, das viele Mallorquiner so gut kennen. Es ist möglich, dass sich das Blatt wendet — Palma hat Geduld und manchmal eine Langsamkeit, die sich am Ende als Vorteil erweist. Aber dafür müssen wir jetzt anfangen, anders zu denken als bisher.
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