
Verfall an der Promenade: Die Espigol-Apartments in Can Picafort und die Frage der Verantwortung
Zwischen Touristenströmen und leerstehenden Balkonen: Die Espigol-Anlage an der Calle Joan Gomila es Maonès ist in juristischer Schwebe – mit Folgen für Nachbarn, Bewohner und das Ortsbild.
Zwischen Strandpromenade und Leerstand: ein Mahnmal an der Calle Joan Gomila
Es ist kurz nach halb zwölf, die Sonne steht knallig über Can Picafort, die Möwen kreischen, irgendwo klimpert ein Eiswagen – und plötzlich steht man vor Hausreihen, die nicht in diese Szenerie passen. Die Espigol-Apartments wirken verlassen: zugestellte Eingänge, mit Pappe verklebte Fenster, Glassplitter, der Geruch nach nassen Decken mischt sich mit dem salzigen Wind. Einige Menschen treten vorsichtig ans Tor: Sie wohnen hier, sagen sie, manche schon Monate, manche Jahre, oft ohne klare Papiere oder gesicherte Versorgung.
Wer trägt die Verantwortung?
Das ist die zentrale Frage: Sind es die Käufer, die offenbar Wohnungen erwarben, ohne dass die Einheiten jemals als dauerhafter Wohnraum genehmigt wurden? Sind es Banken und Bauunternehmen, die in Verträgen und Zahlungsflüssen stecken? Oder liegt die Pflicht beim Rat von Santa Margalida, der zwischen juristischen Klippen und begrenzten Mitteln laviert? Die Antworten sind kompliziert — und genau das lähmt Maßnahmen vor Ort. Dazu gibt es weitere Informationen in unserem Artikel „Jetzt reicht’s“: Can Picaforts verwahrloste Okupa‑Anlage und das Versagen der Verantwortungsträger.
Ein Komplex, viele Baustellen
Ursprünglich als Ferienapartments geplant, zählt die Espigol-Anlage heute 28 Einheiten, die laut Unterlagen formal nie für dauerhaften Wohngebrauch freigegeben waren. Käufer berichten von Zahlungen in sechsstelliger Höhe; ein Fall mit über 170.000 Euro ist dokumentiert. Auf Verkaufsportalen erscheinen dennoch Inserate: 58 bis 60 Quadratmeter für rund 67.000 Euro – mit dem Warnhinweis, dass Teile bewohnt oder ohne regulären Stromanschluss sind. Das liest sich wie ein Markt für Risiko‑Investorinnen und -Investoren. Ähnliche Probleme werden auch in Manacor und den Topaz-Apartments diskutiert.
Die juristischen Auseinandersetzungen zwischen Eigentümern, Banken und Bauträgern haben die Situation eingefroren. Gerichte entscheiden, doch währenddessen verrotten Treppenhäuser, Dachterrassen und persönliche Perspektiven. Das ist nicht nur ein ästhetisches Problem: kaputte Fenster bedeuten Gefahren, fehlende Stromanschlüsse führen zu illegalen Anschlüssen, die Gesundheit der Bewohnerinnen und Bewohner ist gefährdet.
Alltag in Block Nummer 9
Block Nummer 9 nennen Anwohnerinnen und Anwohner den schlimmsten Teil. Auf der Dachterrasse liegen zerbrochene Möbel und Plastik. Ein Mann aus Westafrika schläft manchmal am Eingang; sein Hund hockt zwischen Scherben. Kinder aus Son Bauló weichen diesem Eck aus, Eltern schütteln den Kopf über das verloren gegangene Image der Straße. Gleichzeitig fürchten Betroffene, dass Reinigungsaktionen ohne klare Zuständigkeit schnell wieder verpuffen und die Kosten niemand tragen will. Weitere Einblicke in das Thema Okupas bietet unser Artikel Zwischen Beton und Brandung: Okupas im Espigol Beach — Wohin mit den Menschen?.
Aspekte, die selten diskutiert werden
In öffentlichen Debatten fehlen oft drei Punkte: Erstens die Rolle der Informationslage beim Kauf — viele Erwerberinnen fühlten sich offenbar nicht ausreichend über Genehmigungsstatus aufgeklärt. Zweitens die Folgen für die kommunale Infrastruktur: Müllentsorgung, Wasser- und Abwassersysteme sowie Notfalleinsätze werden durch ungeklärte Eigentumssituationen zusätzlich belastet. Drittens die soziale Dimension: In den betroffenen Apartments leben Familien, alleinstehende Menschen und häufig Vulnerable, die zwischen bürokratischen Fronten stecken bleiben. Auch ähnliche Themen sind in Medusa Beach: Wer trägt die Verantwortung nach dem Einsturz? zu finden.
Konkrete Schritte, die jetzt möglich wären
Die Situation verlangt pragmatische Lösungen, nicht nur juristische Grabenkämpfe. Einige „niedrigschwellige" Maßnahmen wären:
1. Sofortige Hygienemaßnahmen: Gefährliche Glasreste und Müll können durch koordinierte Reinigungsaktionen vor Ort entfernt werden. Das schafft kurzfristig Sicherheit und ist kostengünstiger als spätere Notfalleinsätze.
2. Temporäre Versorgungsvereinbarungen: Ein Übergangsanschluss für Strom und Wasser, begleitet von sozialer Fallarbeit, würde Menschenwürde wiederherstellen und illegale Anschlüsse verhindern.
3. Transparenz und Käuferprüfung: Ein öffentlich einsehbares Register über Verkaufsbedingungen und Genehmigungsstatus könnte künftige Fehlkäufe verhindern.
4. Finanzielle Garantien bei Bauprojekten: Kautionen oder Bürgschaften, die Bauträger vorhalten müssen, würden das Risiko von Scheinverkäufen mindern.
5. Mediation zwischen Beteiligten: Gerichtliche Verfahren sind teuer und dauern. Vermittlung könnte schnelle, praktikable Lösungen für Bewohner und Nachbarn ermöglichen.
Was Santa Margalida tun kann — und was nicht
Der Rat hat begrenzte Handlungsoptionen, solange Gerichte laufen. Dennoch könnte die Gemeinde koordinieren: Räume für Reinigungsaktionen bereitstellen, soziale Dienste einschalten und eine Anlaufstelle für Betroffene schaffen. Manches erfordert höhere Ebenen — etwa rechtliche Klarstellungen zum Status von Ferienbauten oder Landesverordnungen für solche Sonderfälle.
Blick nach vorn
Die Espigol-Anlage ist mehr als ein Schandfleck an der Promenade. Sie ist ein Ort, an dem sich spekulative Verkaufspraktiken, juristische Lücken und soziale Notlagen kreuzen. Wenn Can Picafort weiterhin als lebendiger Küstenort wahrgenommen werden will — mit dem Klirren von Gläsern auf Terrassen statt dem Knacken von zerbrochenem Glas — braucht es pragmatische, faire Schritte jetzt.
Die zentrale Frage bleibt: Wer übernimmt die Verantwortung — und wer startet die erste praktische Maßnahme, die Menschenleben und das Viertel wirklich verbessert?
Kurzfakten: Can Picafort, Calle Joan Gomila es Maonès; 28 Apartments; teils bewohnt; Inserate ab rund 67.000 €; juristische Blockade; Nachbarproteste aus Son Bauló; Forderung nach Sofortmaßnahmen an den Rat von Santa Margalida.
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