Kein offizieller Hitzeschutz für Obdachlose auf Mallorca – dringender Handlungsbedarf

Kein offizieller Hitzeschutz für Obdachlose auf Mallorca

Während die Insel unter neuen Hitzerekorden stöhnt, fehlt ein verbindlicher Notfallplan für Menschen ohne Zuhause. Wer schützt sie, wenn die Temperaturen über 40 Grad klettern?

Ein drückendes Problem ohne Plan

An einem heißen Julinachmittag in Palma flirrt die Luft über dem Passeig del Born, die Kirchenglocken läuten träge und ein leichter Meeresduft weht von der Bucht herüber. Für viele ist das ein Signal, sich ins kühle Café oder ans Meer zurückzuziehen. Für andere bedeutet die Hitze puren Stress: Menschen ohne festen Wohnsitz, die auf Bänken, in Parks oder unter Brücken schlafen, haben kaum Möglichkeiten, sich zu schützen. Und entgegen der zunehmenden Hitzerekorde gibt es auf Mallorca bislang keinen offiziellen, verbindlichen Hitzeschutz-Notfallplan für diese Gruppe.

Was bisher passiert — und was fehlt

Das Institut für Soziales IMAS verteilt Wasser, öffnet tagsüber einige Notschlafplätze und arbeitet mit lokalen Hilfsorganisationen zusammen. Das ist wichtig — aber es bleibt Stückwerk. Während bei Kälte- oder Sturmwarnungen automatische Abläufe greifen, wirkt die Reaktion auf extreme Hitze improvisiert. Welche Anforderungen gelten ab wieviel Grad? Wann werden zusätzliche Betten bereitgestellt? Wer organisiert mobile Trinkwasserstationen oder Fahrten zu kühlen Anlaufstellen? Solche klaren Protokolle existieren nicht.

Das zentrale Problem ist die fehlende Koordination: Behörden, Sozialdienste und NGOs handeln oft parallel, nicht vernetzt. In Tagen mit 40 Grad ist schnelles, zentral gesteuertes Handeln notwendig — sonst drohen Gesundheitsschäden durch Dehydratation, Hitzschlag oder verschlechterte chronische Krankheiten.

Wer besonders gefährdet ist

Obdachlose sind keine homogene Gruppe. Unter ihnen sind ältere Menschen, chronisch Kranke, Menschen mit psychischen Erkrankungen, Migrantinnen und Migranten ohne regelmäßigen Zugang zu Gesundheitsversorgung — und manchmal auch Familien. Viele nehmen regelmäßig Medikamente, die bei Hitze Nebenwirkungen verstärken. Nachts sorgt die Wärme dafür, dass Schlaf nicht erholsam ist; tagsüber sind schattenlose Plätze oft die einzige Option. Dazu kommen Tiere, die ebenfalls leiden. Diese vielschichtige Verwundbarkeit wird in den bisherigen Debatten zu selten berücksichtigt.

Was selten gehört wird

Öffentliche Diskussionen drehen sich oft um Touristenströme, Strandregeln oder Energieverbrauch. Wenig sichtbar sind die nächtlichen Rufe in den Parks, das Rascheln unter einer Plane am Hafen oder die improvisierten Pavillons an Stadträndern. Auch die kleinen, lokalen Helfer — freiwillige Rundgänge, kleine Suppenküchen, Nachbarschaftsinitiativen — sind wichtige Akteure, bekommen aber zu wenig formelle Unterstützung. Und: Hitze trifft nicht nur tagsüber. Nachtwärme reduziert Erholungsphasen, verschärft Stress und erhöht die Anfälligkeit für Krankheiten.

Konkrete Vorschläge statt Lippenbekenntnisse

Es gibt praktikable Maßnahmen, die die Insel jetzt anstoßen sollte:

1. Offizieller Hitzewarnplan für vulnerable Gruppen: Eine Stufe-Alarmierung (z. B. ab 36/38/40 Grad) mit klaren Zuständigkeiten für Behörden und NGOs.

2. Mobile Kühl- und Trinkstationen: Vans oder Zelte mit Trinkwasser, Schatten, Notfall-Kühlung und Erstversorgung an bekannten Treffpunkten (Plaza Major, Es Jonquet, Rambla-Abschnitte).

3. Erweiterte Tagesöffnungszeiten für Notunterkünfte: Besonders an Extremhitze-Tagen sollten Unterkünfte tagsüber geöffnet und personell verstärkt werden.

4. Aufklärung und Training: Freiwillige, Sozialarbeiter und Hoteldienstleister brauchen Schulungen, um Hitzezeichen zu erkennen und Erste Hilfe zu leisten.

5. Transport- und Evakuierungslogistik: Kostenlose Transfers für besonders Gefährdete zu klimatisierten Einrichtungen, koordinierbar per Hotline.

6. Langfristige Lösungen: Investitionen in erschwinglichen Wohnraum, Gesundheitsversorgung und Prävention, damit Menschen nicht dauerhaft in die Gefahrzone geraten.

Wer zahlt — und wer handelt?

Das klingt nach Aufwand — und das ist es auch. Aber die Alternative sind vermeidbare Notfälle, hohe Gesundheitskosten und das Bild einer Insel, die in einer Krise nicht zusammensteht. Finanzierungsmöglichkeiten gibt es: EU-Klimafonds, regionale Sozialbudgets, Kooperationen mit privaten Spendern und Hotels, die Verantwortung in der Saison wahrnehmen können. Wichtig ist, dass die Politik jetzt den Rahmen schafft und IMAS sowie lokale Organisationen verbindlich koordiniert.

Ein Appell aus dem Alltag

Es braucht nicht viel Fantasie, um sich die Szene vorzustellen: Eine Ehrenamtliche schiebt an einem Nachmittag eine Kiste mit Wasserflaschen über den Markt in Sant Antoni, ein Sanitäter erklärt einer älteren Person im Es Jonquet, wie sie Medikamente bei Hitze anpasst. Solche Momente sind herzlich, aber nicht genug. Ein formaler Plan würde diese Hilfe verstetigen, austariert und mit Ressourcen hinterlegen.

Die zentrale Leitfrage bleibt: Wollen wir eine Insel sein, die Menschen in Hitzezeiten schützt — oder akzeptieren wir, dass sommerliche Rekorde weiterhin Menschenleben gefährden? Mallorca hat schon viele Herausforderungen gemeistert. Es ist Zeit, Hitzeschutz für gefährdete Mitmenschen genauso ernst zu nehmen wie Schutz bei Sturm oder Kälte.

Leise, aber eindringlich: Die Glocken läuten weiter, die Luft flimmert — und irgendwo sitzt jemand, der heute Nacht besonders dringend kühlen Schlaf bräuchte.

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