
Oma‑Stuhl und Kunstblumen am Palma‑Airport: Heimelige Ecke oder inszenierte Heimat?
Im Terminal von Son Sant Joan hat eine kitschige Selfie‑Ecke mit „Oma‑Stuhl“ Einzug gehalten. Charmant – oder nur weiterer Baustein der Flughafenkulisse? Unsere Analyse.
Eine Ecke wie aus dem Dorf: sympathisch oder zu perfekt inszeniert?
Wer an einem lauten Vormittag durch Son Sant Joan schlendert – das Pfeifen der Durchsagen, Espressoduft in der Luft, Kofferrollen auf dem Boden – stößt seit Kurzem auf eine neue Fotostation kurz hinter der Sicherheitskontrolle Richtung Modul A. Grüne Fensterläden, eine gealtert wirkende Holzbank, künstliche Blumen, ein als „Oma‑Stuhl“ beworbener Sessel: sofort werden Handys gezückt, es wird gelacht, gepostet. Die zentrale Leitfrage lautet: Ist das noch liebevoller Lokalpatriotismus oder bereits Kalkül einer zunehmend inszenierten Flughafenwelt?
Mehr als Dekoration: Was die Ecke über den Flughafen aussagt
Die Idee kommt nicht aus dem Nichts. Der Airport hat jüngst 19 neue Shops eröffnet: internationale Namen wie Mango, Desigual, aber auch lokale wie Majórica mischen sich mit Gastronomieketten. Solche Investitionen sind okay, sie schaffen Auswahl und Umsatz. Doch die Fotostation ist symptomatisch für einen Trend, der größer ist als ein einzelnes Sofa: Flughäfen verwandeln sich von Verkehrsknoten in konsumfreundliche Erlebnisräume. Das ist praktisch — solange die Inszenierung nicht die echten Bedürfnisse der Reisenden überdeckt. Mehr über die Auswirkungen solcher Entwicklungen am Palma-Airport erfahren Sie hier.
Was selten thematisiert wird
Weniger diskutiert wird, welche Effekte solche Installationen auf Raumfluss, Barrierefreiheit und Authentizität haben. Die Stelle liegt in einer neuen Verkaufszone, wo wegen weiterer Bauarbeiten Gänge enger sind und Umleitungen notwendig werden. Eine hübsche Ecke kann so schnell zum Engpass werden, wenn sich wartende Gruppen für Fotos sammeln. Außerdem: Künstliche Blumen mögen pflegeleicht sein, aber sie senden eine Botschaft. Ein Airport, der „Heimat“ verkauft, greift oft zu Klischees statt zur echten lokalen Kultur — und dabei wird die Chance verpasst, Handwerk, Geschichten oder nachhaltige Materialien sichtbar zu machen. Dazu bietet der Flughafen auch Gratis-Angebote für Reisende.
Konkrete Chancen und Verbesserungen
Statt die Selfie‑Station als einmaliges Deko‑Element zu sehen, könnte Son Sant Joan sie bewusst zum Experimentierfeld machen: rotierende Konzepte mit lokalen Künstlern oder traditionellem Kunsthandwerk, echte Pflanzen aus der Tramuntana oder Mallorcas Dorfgärten (sofern die Pflege organisiert wird), und klare Markierungen, damit der Fotospot keinen Flaschenhals erzeugt. QR‑Codes an der Installation könnten kurze Anekdoten erzählen: Wer hat das Motive inspiriert? Welche Tradition steckt hinter den grünen Fensterläden? Das würde der Ecke Tiefe geben, statt sie auf hübsches Beiwerk zu reduzieren. Neuer zentraler Bussteig am Flughafen Palma könnte ebenfalls zur Verbesserung der Zugänglichkeit beitragen.
Praktische Schritte — damit es für alle besser läuft
Ein paar pragmatische Vorschläge, die sofort greifen könnten: 1) Platzierung außerhalb der Hauptlaufwege, so dass Fotos machen nicht mit Wegesperren kollidiert; 2) klare Hinweise für Mobilitätseingeschränkte und genügend Sitzplätze mit Steckdosen, damit Wartende nicht die Kulisse blockieren; 3) zeitlich begrenzte Angebote, etwa Wochen, in denen lokale Hersteller auftreten oder Schulklassen ihre Projekte präsentieren; 4) nachhaltigere Materialien (statt Plastikblumen echte, langlebige Deko) und regelmäßige Wartung — beides spart langfristig Image‑Probleme.
Fazit: Kleine Idee, große Wirkung — wenn man es richtig macht
Die Selfie‑Ecke am Palma‑Airport ist keine schlechte Idee. Sie bringt ein Stück visueller Heimat in den Reisetrubel und sorgt für ein paar Lacher mitten zwischen Espresso, Sicherheitsdurchsagen und dem Rat‑und‑Tat‑Gerede der letzten Minuten vor dem Boarding. Aber sie könnte mehr sein: ein Fenster zu echter mallorquinischer Kultur, nicht nur eine hübsche Kulisse für schnellen Content. Wenn Flughafenbetreiber und lokale Akteure die Chance nutzen, könnte aus dem kitschigen „Oma‑Stuhl“ ein Ort werden, der erzählt — ohne den Weg zum Gate zu blockieren. Bis dahin: Hände frei halten — und das Boarding nicht verpassen, auch wenn die Blumen so fotogen sind.
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