Wem gehört Palma? Wenn Luxus die Arbeiterquartiere umlackiert

Wem gehört Palma? Wenn Luxus die Arbeiterquartiere leise umlackiert

Im Eixample von Palma verwandeln Investoren alte Mietshäuser in glitzernde Eigentumsobjekte. Was bleibt von Nachbarschaft, Alltagsläden und Stimmen im Treppenhaus? Eine kritische Bestandsaufnahme – und konkrete Vorschläge für ein Stadtbild, das auch Einheimischen gehört.

Die Leitfrage: Wie viel Stadt verträgt der Markt?

Wenn die Avenidas am späten Nachmittag in warmes Gelb getaucht sind, hört man das übliche Gemisch aus Motoren, Stimmen und dem entfernten Hämmern einer Baustelle. In manchen Straßenzügen ist das Hämmern neuerdings das lauteste Zeichen für einen tiefen Wandel: Mietshäuser, in denen früher die Wäsche auf Seilen im Innenhof trocknete, bekommen nun Fenster mit Doppelverglasung und Prospekte, die Namen wie „Comte 16“ tragen. Die zentrale Frage ist schlicht: Wem gehört Palma, wenn Stadtleben zur Ware wird?

Vom Alltag zur Rendite: die Mechanik der Umwandlung

Man sieht das Muster überall im Eixample: Ein Investor kauft ein ganzes Haus, teilt es, saniert es, verkauft einzelne Studios und Penthouses – fünf- bis sechsstellige Preise pro Quadratmeter sind für einige Straßen keine Ausnahme. Auf der Calle Gilabert de Centelles oder der Blanquerna Sur lässt sich der Prozess in Zeitraffer beobachten. Fassade bleibt, Innereien werden ausgeblendet: statt Bäckerei erscheint eine Boutique, statt des Schuhmachers ein Coworking-Space. Das ist legal, häufig profitabel – und für viele Nachbarn existenziell einschneidend. Palma in zwei Preisen: Warum derselbe Quadratmeter plötzlich Luxus sein kann

Was in der Debatte oft fehlt

Öffentlich wird viel über Statistiken, Eigentumsverhältnisse und Touristenzahlen gesprochen. Was seltener Thema ist: die feinen sozialen Vernetzungen, die verloren gehen, wenn bezahlbarer Wohnraum verschwindet. Die Nachbarin gegenüber, die seit den 90ern im Altbau wohnt, sagt nicht von Protestplakaten – sie spricht von Grüßen im Treppenhaus, die wegbleiben, und von einem Gefühl leiser Verdrängung. Solche Alltagssignale sind schwer zu messen, aber sie formen den sozialen Klebstoff eines Quartiers: improvisierte Kinderbetreuung, der Laden, der morgens Semmeln anbietet, die Stammgäste im Café, die einander bei Reparaturen helfen. Palma im Wandel: Wo Einkommen explodieren — und wem die Stadt noch gehört

Anreize, Regeln und politische Lücken

Warum kann das so ungestört passieren? Ein Grund ist, dass die rechtlichen und steuerlichen Rahmenbedingungen oft Investitionen eher belohnen als das langfristige Wohnen. Leerstandssteuern, Regulierung von Umwandlungen in Eigentum und Vorschriften zu sozialem Wohnraum variieren – und in vielen Fällen fehlt der politische Wille zu schärferen Vorgaben. Gleichzeitig geben internationale Vergleichsrechnungen Investoren Munition: Palma sei „noch günstig“ im Vergleich zu London oder Barcelona. Für die Balance der Stadt ist das jedoch kein Argument, sondern eine Einladung. Vom Okupa‑Schandfleck zur Luxusadresse: Wem nützt der Umbau in Camp d’en Serralta?

Die verlorenen Geräusche einer Stadt

Die Ästhetik bleibt: historische Fliesen, Balkone, Holzfenster. Doch hinter der Fassade verstummen Alltagsgeräusche: das Klacken der Töpfe, das Stimmengewirr im Treppenhaus, die Bäckeruhr am Morgen. Stattdessen kommen neue Töne: Maklertelefonate auf Englisch, Lieferkartons, Paketdienste und die leisen Gespräche potenzieller Käufer. Diese Klangverschiebung ist kein Vandalismus, sie ist das Ergebnis ökonomischer Logik – und sie hat konkrete Folgen für Quartiersleben und lokale Ökonomie.

Konkret: Was zu tun wäre

Schweigen ist keine Strategie. Es gibt praktikable Maßnahmen, die Verwaltung, Gemeinden und Bürgerschaft zusammendenken könnten:

1. Umwandlungsregeln stärken: Genehmigungen für Umwandlungen von Miet- in Eigentumswohnungen mit Auflagen verbinden – Quoten für bezahlbaren Wohnraum, bevorzugte Zuteilung an lokale Käufer oder Vorkaufsrechte für Gemeinden.

2. Leerstands- und Zweckentfremdungssteuern: Gebäudeteile, die lange ungenutzt bleiben oder touristisch umgenutzt werden, härter besteuern und Einnahmen zweckgebunden für Sozialwohnungen verwenden.

3. Unterstützung für lokale Gewerbe: Mietzuschüsse, Ladenlokalpakete oder reduzierte Gewerbesteuern für langjährige Betreibende – damit die Bäckerei, der Schuster und der Gemüseladen überleben.

4. Förderung alternativer Eigentumsformen: Community Land Trusts, Genossenschaften und Mieterkollektive als Instrumente, um Grund und Boden dauerhaft dem Markt zu entziehen.

5. Beteiligung und Transparenz: Quartiersräte bei Umwandlungsprojekten verpflichtend einbeziehen, damit die Stimme der Bewohnerinnen und Bewohner nicht erst nach den Baggern zählt.

Chancen, nicht nur Probleme

Das darf nicht bloß negativ klingen: Instandgesetzte Häuser bringen bessere Dämmung, sicherere Leitungen und gepflegtere Straßen. Kluge Regelungen könnten Renovierungsdrang und sozialen Schutz verbinden: Renovieren ja, verdrängen nein. Pilotprojekte – ein umgenutztes Mietshaus mit Sozialquoten, eine geförderte Ladenzeile für traditionelle Gewerbe – könnten zeigen, dass eine Stadt attraktiv bleiben kann, ohne ihre Seele zu verkaufen.

Wenn Sie an einem Samstag durch das Eixample schlendern: achten Sie auf die Laternen, die neuen Schilder, auf die Stimme des Bäckers. Und fragen Sie sich zwischendurch: Für wen ist diese Straße eigentlich gemacht?

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