Sandsteinblöcke unter der Jacint‑Verdaguer‑Brücke: Abschreckung statt Hilfe?

Steine statt Hilfe: Sandsteinblöcke unter der Jacint‑Verdaguer‑Brücke

Unter der Jacint‑Verdaguer‑Brücke in Palma hat der Inselrat Sandsteinblöcke aufgeschichtet, um Wohnungslose fernzuhalten. Eine pragmatische Lösung fürs Stadtbild — aber keine Antwort auf ein soziales Problem. Warum Abschreckung nicht gleich Hilfe ist und welche Schritte wirklich nötig wären.

Sandstein statt Soforthilfe: Die Maßnahmen unter der Jacint‑Verdaguer‑Brücke

Gestern Vormittag, die Sonne stand hoch über Palma und ein Zug pfiff erwartungsgemäß vorbei, bin ich an der Jacint‑Verdaguer‑Brücke entlang geradelt. Auf dem erhöhten Streifen zwischen Bahngleis und Fußweg lagen jetzt gleichmäßig verteilte Sandsteinblöcke – ordentlich, fast pietätvoll, wie ein Weg auf einem stillen Friedhof. Keine Decken, keine Kartons, keine improvisierten Zelte mehr. Der Inselrat erklärt das klar: Die Steine sollen verhindern, dass sich dort Menschen niederlassen. Kurz, sichtbar, abschreckend.

Zwischen Son Fortesa und Son Oliva: schneller Aufräumakt, große Wirkung

Die Stelle an der Grenze zwischen Son Fortesa und Son Oliva ist eng, laut, von Pendlern genutzt. Nach den Renovierungsarbeiten an der Brücke hat die Verwaltung die Fläche „wiederhergerichtet“ und dabei die Sandsteinblöcke verteilt. Anwohner meinen, es wirke sauberer und sicherer. Ein alter Herr auf der Plaça, der jeden Morgen seinen Hund führt, nannte es pragmatisch: „Endlich hört das Zeug auf, hier zu campen.“ Im Hintergrund klangen die üblichen Geräusche: Kinderstimmen vom Spielplatz, das Rattern der Straßenbahn, eine Kehrmaschine, die vorbeirollte.

Die Kehrseite der „Sichtreinigung"

So einfach ist die Sache nicht. Sozialinitiativen, die seit Jahren Menschen ohne Wohnung betreuen, sprechen von Verdrängung statt Lösung. Die Leute würden nicht plötzlich verschwinden, sie würden nur weiterziehen – zu anderen Brücken, in Parks oder an weniger sichtbare, gefährlichere Plätze. „Man schützt die Augen der Stadt, nicht die Menschen“, sagt eine Mitarbeiterin einer Beratungsstelle. Das Problem verlagert sich, die Risiken bleiben: schlechtere Hygiene, weniger Zugang zu Hilfsangeboten, zunehmende Isolation.

Was in der öffentlichen Debatte zu kurz kommt

Es gibt Aspekte, die selten diskutiert werden: Die rechtliche Lage der Verwaltung beim Umgang mit öffentlichen Flächen, die Verantwortung zwischen Inselrat und Stadt Palma, und die Kosten langfristiger Verdrängung. Auch die psychologische Wirkung spielt eine Rolle – das Gefühl, vertrieben zu werden, macht es für Betroffene schwerer, sich Hilfe zu suchen. Und schließlich fehlt oft ein Monitoring: Wohin sind die geräumten Personen gegangen, wer hat ihre Daten erfasst, welche Nachbetreuung fand statt?

Die zentrale Frage

Die Leitfrage lautet: Soll städtische Ordnung wichtiger sein als soziale Fürsorge? Abschreckung schafft kurzfristig Ordnung und beruhigt Anwohner. Aber ist das Stadtbild wichtiger als die Würde und Sicherheit vulnerabler Menschen? Wer trägt die Verantwortung, wenn Maßnahmen nur Symptome verschieben statt Ursachen zu bekämpfen?

Konkrete Schritte statt symbolischer Gesten

Wenn der Inselrat wirklich etwas bewegen will, reichen Sandsteinblöcke nicht. Es braucht einen strukturierten Plan mit klaren Maßnahmen. Erstens: mehr bezahlbarer Wohnraum und verbindliche Übergangswohnungen — nicht nur punktuelle Notquartiere. Zweitens: mobile Beratungsdienste, die regelmäßig an Brennpunkten präsent sind, mit festen Ansprechpersonen, damit Vertrauen entstehen kann. Drittens: niedrigschwellige Tageszentren, in denen Menschen Duschen, Wäsche und Beratung erhalten. Viertens: gezielte Kooperation mit den etablierten Hilfsorganisationen – nicht nur beim Räumen, sondern bei Nachbetreuung und Reintegration. Besonders relevant sind hier die Entwicklungen, die in Palma und die wachsende Zahl der Wohnungslose angesprochen werden.

Was praktikabel wäre

Ein praktikabler Ansatz könnte so aussehen: kurzfristig mehr Schlafplätze in leerstehenden kommunalen Gebäuden; mittelfristig ein Pilotprojekt für 50 Übergangswohnungen mit Begleitung (soziale Arbeit, Gesundheit, Jobvermittlung); langfristig ein stadtweites Monitoring, das transparent macht, wohin geräumte Personen gegangen sind und wie viele tatsächlich wieder stabilen Wohnraum finden. Parallel dazu sollten städtische Baulinien geprüft werden, um Flächen für Sozialwohnungen zu sichern — das ist möglich, wenn politischer Wille und Haushaltsmittel zusammenkommen. Zum Thema der Flächen wird häufig der Parc de la Mar verwahrlost erwähnt.

Mein Fazit

Als Nachbarin, die hier lebt, Fahrrad fährt und morgens den Zug hört, nervt mich der schnelle Griff zur Ästhetik. Ja, die Ecke ist ordentlicher. Aber sauber kann auch anders aussehen: mit Programmen, die Menschen zurück ins System bringen, nicht nur aus dem Blickfeld. Ich erwarte vom Inselrat mehr Transparenz: Zahlen darüber, wohin die Betroffenen gingen, welche Alternativen angeboten wurden und welche finanziellen Mittel jetzt in dauerhafte Lösungen fließen. Es ist wichtig, die komplexe Situation zu beleuchten und nicht nur die aggressive Umsetzung von Lösungen zu verfolgen, die in Obdach am Paseo Mallorca thematisiert werden.

Das ist kein Plädoyer, Orte offen zu lassen, an denen Probleme akut sind. Es ist ein Appell, Abschreckung nicht mit Politik zu verwechseln. Sonst bleiben am Ende nur ordentlich gestapelte Steine — und dieselben Namen in den Sozialberichten.

Wenn Sie aus der Gegend sind: Wie haben Sie die Veränderung erlebt? Stimmen die Anwohner, die die Maßnahme begrüßen, oder sehen Sie eher die Verdrängung? Schreiben Sie uns.

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