
Zwischen Beton und Brandung: Okupas im Espigol Beach — Wohin mit den Menschen?
Im halbverfallenen Espigol Beach bei Can Picafort haben sich Familien und Einzelne eingenistet. Razzien lösen nichts – es braucht pragmatische Zwischenlösungen, Gesundheitsschutz und Anreize für Eigentümer.
Wenn die Touristen weg sind, bleibt die Frage: Was tun mit leerstehenden Touristengebäuden?
Fährt man die Küstenstraße Richtung Son Bauló, mischen sich die Möwenschreie mit dem entfernten Klappern von Fahrradketten und der Kirchturmglocke von Can Picafort. Dort, wo einst Feriengäste ankommen sollten, steht ein verwittertes Bauwerk mit verblassten „Se vende“-Schildern: Espigol Beach. Fenster ohne Scheiben, vertrocknete Geranien in zerfurchten Balkonkästen, und mitten drin Menschen, die sagen: „Wir wissen nicht, wohin.“
Die Leitfrage
Wie geht man mit leerstehenden Touristengebäuden um, wenn Menschen keine Alternativen haben? Das ist keine abstrakte Debatte, sondern eine Frage, die hier an der Küste zwischen Salzwasser und Beton konkret wird. Razzien, juristische Verfahren und Bagger verschieben das Problem nur — sie lösen es nicht.
Alltag statt Postkarte
Im Espigol Beach hat sich ein provisorisches Gemeinwesen gebildet: Familien mit Babys, Alleinstehende, EU-Bürgerinnen, Menschen aus Afrika, manche mit Papieren, manche ohne. Sie kehren abends das Treppenhaus, sammeln Müll, stimmen sich über die Wasseruhr ab. Es sind keine romantischen Abenteuer, sondern Überlebensrituale: Nachts wird das Licht gedimmt, damit die Kinder schlafen, morgens kochen Nachbarinnen zusammen in improvisierten Küchen. Diese pragmatische Ordnung verdient mehr Aufmerksamkeit als das schnelle Urteil „illegal“.
Der Pool als kleines Desaster
Ein Aspekt, der oft übersehen wird, ist nicht ideologisch, sondern hygienisch: der Pool. Statt funkelndem Wasser ist er grün, voller Algen und Mücklarven — ein Gesundheitsrisiko. Bewohner bitten die Gemeinde, das Wasser abzustellen, das Becken abzudecken oder Desinfektionsmaßnahmen zu organisieren. Ironisch: Ausgerechnet die Menschen, die rechtlich auf dünnem Eis stehen, bieten an, mitanzupacken und kleine Beiträge für Maßnahmen zu leisten, wenn die Behörden pragmatisch handeln.
Eine vertrackte Rechtslage
Hinter dem Bild von verwaisten Apartments steckt ein Geflecht aus unklaren Genehmigungen, nicht eingehaltenen Verkaufszusagen und schwer greifbaren Eigentümern. Wer darf entscheiden — die Gemeinde, der Inselrat, private Eigentümer oder die Gerichte? Diese Unklarheit schafft einen Raum, in dem Probleme schwelen, bis Nachbarn klagen oder die Polizei einschreitet. Doch Juristerei allein fängt weder Kinder auf noch sorgt sie für Mückschutz am Pool.
Was in der öffentlichen Debatte oft fehlt
Die Diskussion verengt sich gerne auf Kategorien wie „legal“ und „illegal“. So verschwinden die Menschen. Hinter jeder Besetzung steht ein Systemfehler: privatisierte Küstenflächen, jahrelang leerstehende Gebäude, ein Immobilienmarkt, der Rendite über Soziales stellt, und langsame kommunale Verfahren. Gleichzeitig dominieren auf Social Media Postkartenbilder von Stränden, während in Seitenstraßen Wohnungsnot wächst. Diese doppelte Wahrnehmung verhindert oft nüchterne Lösungen.
Pragmatische Vorschläge — lokal und sofort wirksam
Statt großem Moralisieren braucht es konkrete Schritte, die vor Ort schnell spürbar sind:
Temporäre Nutzungsvereinbarungen: Rathaus und Eigentümer könnten befristete Nutzungsrechte zulassen — etwa für soziale Träger — im Austausch gegen Pflege und kleine Instandsetzungen. Das schafft Rechtsklarheit und reduziert Verwahrlosung.
Gesundheit und Sicherheit zuerst: Maßnahmen wie Poolentleerung, Abdeckung, Mückbekämpfung und regelmäßige Müllabfuhr kosten vergleichsweise wenig, senken aber das Risiko von Infektionen und bringen Ruhe in die Nachbarschaft.
Modulare Zwischenunterkünfte: Kurzfristig nutzbare Containerwohnungen oder modular aufgebaute Einheiten könnten Familien überbrücken, während längerfristige Lösungen geprüft werden. Das verschafft Zeit und verhindert nächtliche Zwangsräumungen.
Anreize für Eigentümer: Steuerliche Erleichterungen oder Zuschüsse zur Umwandlung leerstehender Touristenapartments in Sozialwohnungen könnten Eigentümer motivieren, aktiv zu werden.
All das verlangt Kooperation: von Rathaus, Inselverwaltung, Sozialdiensten und Nachbarschaft. Vor allem aber verlangt es Zuhören: die Menschen im Espigol Beach wissen, wo es hakt — sie reinigen, reparieren und organisieren oft selbst. Diese Energie wäre besser als Ressource zu nutzen als zu kriminalisieren.
Nachbarschaft als Prüfstein
In kleinen Orten wie Can Picafort kennt man sich. Reaktionen reichen von Verständnis bis zu Angst — beides menschlich. Die Insel aber darf nicht zusehen, wie aus leerstehenden Betonblöcken Dauerprobleme werden. Wer weiterhin nur auf juristische Verfahren setzt, statt pragmatische Zwischenlösungen zuzulassen, riskiert, dass ähnliche Fälle in Portocristo, Palma oder andernorts nachwachsen.
Espigol Beach ist kein Einzelfall, sondern ein Symptom eines marktorientierten Wohnungsmarktes ohne schnellen Ausgleich. Die Aufgabe ist politisch, rechtlich und moralisch: Wo sollen Menschen hin, die keine Wohnungen finden? Kurzfristige, pragmatische Maßnahmen kombiniert mit einer langfristigen Strategie für sozialen Wohnungsbau sind nötig — sonst bleiben am Ende nur das Klappern leerer Fensterläden und Stimmen, die um Perspektiven bitten.
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