Deutscher Standartenträger in Coll d’en Rabassa: Integration durch Teilhabe

Deutscher Standartenträger in Coll d’en Rabassa: Ein Fremder, der dazugehört

Roman Hillmann, einst Kulturmacher in Palma, zieht während der Karwoche als Standartenträger durch Coll d’en Rabassa. Ein persönlicher Blick auf Integration, Nachbarschaft und alte Rituale.

Deutscher Standartenträger in Coll d’en Rabassa: Ein Fremder, der dazugehört

Wie ein ehemaliger Kulturraum-Betreiber aus dem Rheinland Teil einer mallorquinischen Karwoche wurde

Am frühen Abend in Coll d’en Rabassa mischt sich das Läuten der Iglesia-Glocken mit dem Rauschen des Meeres. Es riecht nach feuchtem Stein und etwas Orangenblüte. Zwischen den schmalen Straßen des Viertels, wo Nachbarn einander grüßen und Kinder neugierig am Gehsteig stehen, trägt ein Mann eine Fahne: romanische Schrift, schweres Tuch, Schritt im Takt. Roman Hillmann ist Deutscher – und seit einigen Jahren fester Bestandteil der Osterprozessionen hier.

Hillmann ist kein Tourist, er hat in Palma ein Stück Alltag aufgebaut: Früher betrieb er den Kulturraum „Exprésate” in dem Viertel, zuvor arbeitete er in Deutschland beim Fernsehen und lebte in Berlin und Paris. 2023 hat er zum ersten Mal an einer Prozession teilgenommen; seitdem zieht er regelmäßig mit. Das ist für ihn kein Spektakel, sondern eine Form, Gemeinschaft zu erleben und sich einzubringen.

In dieser Woche wird Hillmann wieder zu sehen sein: Am Dienstagabend startet die Prozession in Coll d’en Rabassa um 20:00 Uhr an der Plaza de la Iglesia und zieht für rund zwei Stunden durchs Viertel. Wer langsam durch die Straßen geht, hört das Klappern der Holzschilder, das Flüstern der Passanten und manchmal das rhythmische Stampfen der Bruderschaft – die Prozession ist ein ruhiges, aber eindrückliches Zusammenspiel von Ritual und Nachbarschaft.

Am Gründonnerstag steht die größere Prozession Crist de la Sang auf dem Plan. Treffpunkt ist um 19:00 Uhr an der Plaza del Hospital, oberhalb des Kulturzentrums Misericòrdia; man geht aus der Iglesia de la Anunciación los und wird spät in der Nacht an der Kathedrale ankommen – gegen 1:00 Uhr. In dieser Veranstaltung sind viele Teilnehmer verhüllt, Kapuzen gehören zur Tradition. Hillmann hat angekündigt, eine solche Kapuze zu tragen; nur wer genau hinschaut, erkennt ihn dann.

Warum macht er das? Für Hillmann ist die Teilnahme an den Prozessionen ein praktischer Weg, Teil des Alltags zu werden. Er sieht darin keinen kulturellen Diebstahl, sondern eine Form von Teilhabe: durch die Mithilfe, durch pünktliches Erscheinen, durch Respekt gegenüber Ritualen, die hier seit Generationen gepflegt werden. Viele Anwohner hätten ihn inzwischen akzeptiert – manche kommen nach den Prozessionen auf ihn zu, fragen nach seiner Geschichte oder bitten um ein Foto, wenn die Kapuze fällt.

Solche Szenen bringen etwas Echtes in die Diskussion über Integration: Es geht nicht nur um Sprachen und Papiere, sondern um gemeinsame Straßen, geteilte Termine und die kleinen Gesten – das Aufhalten einer Tür, das Schweigen beim Vorbeigehen an einem pasos, das gegenseitige Anlächeln nach dem Gottesdienst. In Coll d’en Rabassa, wo Boote am Horizont liegen und die Promenade am Abend langsam von Spaziergängern belebt wird, hat diese Form der Teilhabe eine besondere Qualität: sie verbindet die Alltäglichkeit mit dem Festlichen.

Praktisch gesehen ist Hillmanns Weg auch eine Einladung: Wer neu auf der Insel ist, muss nicht abwarten, bis andere ihn einladen. Sich an lokalen Initiativen zu beteiligen, bei einer Bruderschaft mitzumachen oder einfach regelmäßig zu den Treffpunkten zu kommen – das sind kleine Schritte mit großer Wirkung. Die Bruderschaften selbst profitieren: Ehrenamtliche helfende Hände, die pünktlich sind und Respekt vor den Abläufen haben, sind willkommen.

Am Ende bleibt der Eindruck eines Abends, an dem unterschiedliche Leben sich kurz kreuzen: der Tourist, der mit dem Handy filmt, die alte Frau, die mit einem dünnen Schal das Bild beobachtet, und ein Deutscher mit einer schweren Fahne, der ganz selbstverständlich in den Takt einsteigt. Es ist kein lautes Zeichen, eher ein leises Einfinden. Wenn die Glocken verklungen sind und die Straßen wieder leerer werden, bleibt das Gefühl, dass Gemeinschaft durch kleine, wiederholte Gesten entsteht – und dass Platz dafür auf Mallorca ist, wenn man ihn sich erarbeitet.

Wer mitgehen möchte: am Dienstag, 20:00 Uhr Plaza de la Iglesia in Coll d’en Rabassa; Gründonnerstag, 19:00 Uhr Plaza del Hospital (Iglesia de la Anunciación) bis zur Kathedrale, Ankunft gegen 1:00 Uhr. Das Wetter in Palma zeigt sich derzeit mit etwas Sonne und Wolken bei rund 15°C – ein typischer Frühlingsabend zum Dabeisein.

Ein leiser, nachbarschaftlicher Ton, eine Fahne im Wind und ein Mann, der zeigt: dazugehören kann man oft, indem man einfach kommt.

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