
Sóller zieht den Hahn zu: Duschen aus, Pools tabu – wie die Stadt mit Dürre umgeht
Handgeschriebene Aushänge, Stauseen bei rund 30 %: Sóller hat scharfe Wasserregeln eingeführt. Was das für Einheimische, Hotels und Gäste bedeutet — und welche Lösungen es gibt.
Sóller zieht den Hahn zu: Neue Regeln, spürbarer Alltag
Am Morgen hängen Zettel an Laternenmasten und an der Markthalle: "Wasser sparen" heißt hier seit heute nicht mehr nur guter Rat, sondern Verordnung. Pools dürfen nicht mehr mit Leitungswasser gefüllt werden, Strandduschen sind abgeschaltet, Gärten dürfen nicht bewässert werden – die Gemeinde nennt als Grund die anhaltende Trockenheit und den niedrigen Füllstand der Stauseen, der aktuell bei rund 30 % liegt.
Wer am Passeig flaniert und den Geruch von gebratenem Fisch und frisch gebrühtem Café in der Luft hat, merkt schnell: Die Maßnahmen sind mehr als ein Schild. Auf dem Wochenmarkt flüstern die Verkäuferinnen über Lieferanten, die weniger Obst bringen; an der Tram ist das Rattern heute leisere Unruhe als Sommerstimmung. Ein Café-Besitzer zwinkerte: „Wer jetzt noch den Pool füllt, hat wohl andere Sorgen.“ Der Witz sitzt, weil hinter ihm Wirklichkeit steckt – und weil nicht alle Seiten im gleichen Maß betroffen sind.
Leitlinien im Alltag: Was jetzt verboten ist
Die zentralen Punkte im Überblick:
Pools: Kein Nachfüllen mit Leitungswasser. Bestehende Anlagen sollen den Wasserverlust minimieren. Weitere Informationen dazu finden Sie in unserem Artikel über geschlossene Schwimmbäder.
Gärten: Bewässerung untersagt, Ausnahmen nur in medizinischen oder sehr begründeten Fällen nach Rücksprache.
Fahrzeuge: Waschen von Autos und Booten mit Trinkwasser nicht mehr erlaubt.
Duschen: Strand- und Sporteinrichtungsduschen sind abgeschaltet.
Reinigung: Terrassen und Fassaden nur in Notfällen oder bei triftigem Grund.
Auch umliegende Orte wie Fornalutx haben schon ähnliche Vorgaben. In höheren Lagen ist der Sommer bislang milder gewesen, die Täler trocknen schneller aus – ein Gefälle, das nicht nur die Landschaft, sondern auch die Diskussionen prägt.
Die eigentliche Leitfrage: Wer zahlt für die Einsparungen?
Die Verordnung bringt ein Gerechtigkeitsproblem auf den Tisch: Während viele Haushalte längst sparsam wirtschaften, verursachen große Verbraucher weiterhin einen großen Anteil am Verbrauch. Eine ältere Marktfrau formulierte es deutlich: „Wir sparen seit Jahren – aber wenn die Hotels weitermachen wie bisher, bringt das wenig.“ Hoteliers betonen, sie hätten bereits Maßnahmen ergriffen: kürzere Duschzeiten posten, Reuse-Programme für Bettwäsche, effizientere Wäschereitechnik. Doch temporäre Einschnitte reichen nicht als Antwort auf strukturelle Knappheit, weshalb einige Hoteliers schärfere Kontrollen fordern.
Wenig diskutiert wird bisher, wie streng die Regeln kontrolliert werden. Werden Kontrollen und Bußgelder folgen? Wer darf Ausnahmen genehmigen? Solche Fragen entscheiden darüber, ob die Pflicht zum Sparen gerecht und wirksam umgesetzt wird.
Was Gäste jetzt wissen und tun sollten
Wer in den nächsten Tagen nach Sóller reist: Er sollte mit weniger Komfort bei Freizeiteinrichtungen rechnen. Poolpartys sind unangebracht, Strandduschen nicht verfügbar. Sensibilität hilft: Nachfragen in Unterkünften zahlt sich aus. Viele Betriebe informieren transparent und bieten Alternativen – etwa zusätzliche Feuchttücher oder Hinweise zu lokalen Waschservices, die mit Rezyklat arbeiten.
Weitblick statt Tropfstein: Chancen und konkrete Lösungen
Die akute Maßnahme ist nötig, aber sie zeigt vor allem eines: Kurzfristige Verbote greifen zu kurz. Sóller braucht jetzt pragmatische und längerfristige Strategien. Einige konkrete Vorschläge:
1. Grau- und Regenwassernutzung fördern: Hotelbetriebe und Privathaushalte könnten Brauchwasser-Systeme verpflichtend oder gefördert einbauen – für Toiletten, Bewässerung (bei Ausnahmegenehmigung) und Reinigung.
2. Wasserrechte und Preise prüfen: Eine gerechtere Verteilung durch angepasste Tarife oder Verbrauchsquoten kann den Anreiz zum Sparen stärken und große Verbraucher stärker in die Pflicht nehmen. Betrachtet werden sollte dies auch vor dem Hintergrund der Artikel über den Trinkwasser-Notstand.
3. Verdunstungsverluste verringern: Poolabdeckungen, Pflanzen als Schattenspender, native, trockenheitsresistente Bepflanzung reduzieren Bedarf.
4. Investition in Aufbereitung und Dezentrales: Kleinere, solarbetriebene Entsalzungs- oder Wasseraufbereitungsanlagen könnten gerade in touristischen Schwerpunkten langfristig Entspannung bringen – gekoppelt mit strengen Umweltauflagen.
5. Transparenz und Beteiligung: Eine lokale Informationskampagne, Nachbarschaftsversammlungen und klare Kriterien für Ausnahmen schaffen Vertrauen – und verhindern Ressentiments zwischen Einheimischen und Gästen.
Kurzfristig sparen, langfristig umdenken
Sóller steht nicht allein. Die Handlungsfähigkeit der Gemeinde ist bemerkenswert, doch die Krise verlangt mehr als Verordnungen: Es braucht konkrete Investitionen, Anreize und Regeln, die dauerhaft wirken. Während die Trambahn am Abend weiter über die Schienen klappert und die Cicaden ihre lauten Sommermelodien abgeben, erinnert die trockene Erde unter den Orangenbäumen daran, dass Teilen jetzt Priorität hat.
Das Ziel muss sein, die Insel widerstandsfähiger zu machen, ohne dabei Teile der Bevölkerung unverhältnismäßig zu belasten. Kurzfristig heißt das: sparen, nachfragen, Rücksicht. Mittel- und langfristig heißt das: planen, investieren, umdenken. Sóller mag den Hahn zugedreht haben – ob es nur ein Tropfen oder der Anfang einer nachhaltigen Wende wird, hängt nun an politischen Entscheidungen und an uns allen.
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