
Neue Zugverbindung nach Calvià: Chance oder Wunschtraum?
Die Balearenregierung prüft eine Zugverbindung von Palma nach Calvià — gut für Son Espases und touristische Zentren, aber teuer und politisch heikel. Was müsste passieren, damit aus Plänen echte Entlastung wird?
Neue Zugverbindung nach Calvià: Mehr als nur ein Gleis?
Im Sommer hört man die Sirenen, das Rattern der Busse und das stete Hupen auf der Ma-1 Richtung Calvià – ein Geräuschteppich, den Einheimische zur Hochsaison besser kennen als ihre Nachbarn. Die Ankündigung, eine Machbarkeitsstudie für eine Zugstrecke von Palma bis Calvià zu prüfen, hat deshalb schnell Hoffnungen geweckt. Anfang 2026 sollen die Ergebnisse vorliegen. Doch die zentrale Frage bleibt: Kann ein Zug wirklich die Verkehrslage entspannen, oder ist das eher ein Politprojekt für sonnige Pressefotos?
Warum die Strecke zumindest sinnvoll klingt
Ein Zug, der Palma mit Son Espases und weiter nach Calvià verbindet, würde zwei typische Probleme gleichzeitig adressieren: die täglichen Staus rund um Palma und den schnellen Zugang zum Krankenhaus. Für Patienten, Personal und Besucher wäre eine verlässliche Schienenverbindung ein echter Gewinn. Zudem könnte eine Verlängerung bis Peguera oder Andratx den Druck auf die Küstenstraßen mindern, besonders an Wochenenden und in Ferienzeiten.
Praktisch vorgestellt: Leute steigen am Estació in Palma ein, lesen die Zeitung, der Zug rollt leise vorbei an Olivenhainen, Zitrusbäumen und Betonkreuzungen – statt sich im heißen Auto über die MA-1 zu quälen. Geräusche würden sich ändern: weniger Motorenlärm, mehr Türen, die sachte schließen. Das klingt schön und nachhaltig.
Die ungelösten Fragen
Aber hier kommt die Bremse: Kosten, Trassenführung, Eigentumsfragen und Umwelteinwirkungen. Frühere Schienenprojekte auf der Insel scheiterten oft an hohen Investitionen und langer Bürokratie. Wer zahlt? Staat, Balearenregierung, EU-Fonds oder Private? Und wie viel Raum steht entlang der geplanten Korridore zur Verfügung – müssen Gärten, Felder oder sogar Wohnhäuser weichen?
Ein weiterer Streitpunkt ist die Art des Betriebs: Schwerer Fernverkehr, Regionalbahn oder ein Tram-ähnliches System? Jede Option hat Vor- und Nachteile bei Flexibilität, Kosten und Taktung. Die Frage der Elektrifizierung ist zudem nicht rein technischer Luxus, sondern entscheidet über Klimabilanz und Betriebskosten.
Was in der öffentlichen Debatte oft zu kurz kommt
Man spricht viel von Entlastung, weniger Autos und Touristen, die wieder atmen können. Selten aber tauchen konkrete Nahverkehrskonzepte auf: Wie werden Busse und Züge vernetzt? Stehen Park-and-Ride-Plätze bereit? Werden Fahrradstellplätze und barrierefreie Zugänge eingeplant? Ohne gutes Umsteigesystem bleibt ein Zug eine halbe Lösung.
Auch soziale Folgen sind zu bedenken: Eine neue Schienenachse kann Immobilienpreise verändern und Ortsteile aufwerten – gut für Eigentümer, problematisch für Mieter. Und: Wird der Tourismus dadurch noch weiter in bisher ruhige Orte getragen?
Konkrete Chancen und nächste Schritte
Die Studie ist eine Chance, pragmatisch zu planen. Einige Vorschläge, die wir auf Mallorca dringend hören sollten:
1. Schrittweiser Ausbau: Zuerst eine Pilotstrecke Palma–Son Espases–Calvià mit dichter Taktung testen, später verlängern. Das reduziert Anfangskosten und liefert Daten.
2. Multimodale Knoten schaffen: Bus, Fahrrad, Mitfahrangebote und Zug müssen nahtlos vernetzt werden. Gute Radabstellplätze und kurze Umsteigewege sind Pflicht.
3. Finanzierungsmix: EU-Mittel für Klimaschutz, nationale Infrastrukturprogramme und öffentliche-private Partnerschaften kombinieren. Transparente Kosten-Nutzen-Rechnungen sind nötig.
4. Umwelt- und Sozialverträglich planen: Naturschutz, Lärm- und Landschaftsschutz sowie Schutz vor Verdrängung müssen im Frühstadium geprüft werden.
Blick nach vorne: Realistisch optimistisch
Ein Zug nach Calvià kann vieles verändern – aber nur, wenn Planer, Politik und Bürger ehrlich über Kosten, Nutzen und Nebenwirkungen sprechen. Auf dem Marktplatz in Calvià, an der Strandpromenade oder vor Son Espases hört man oft die gleichen Wünsche: weniger Stau, schneller zum Arzt, saubere Luft. Die Machbarkeitsstudie ist die Gelegenheit, solche Alltagswünsche mit technischem Pragmatismus zu verbinden.
Ob daraus ein Schienenband wird, das Mallorca tatsächlich entlastet, hängt weniger von Schlagzeilen als von Detailarbeit ab: Trassenwahl, Taktkonzept, Anschlüsse und faire Finanzierung. Wenn all das gelingt, könnte man in ein paar Jahren beim Klang des Zuges auch das Gefühl hören, dass die Insel ein Stück vernünftiger geworden ist.
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