
Weniger Fehlzeiten auf den Inseln: Gutes Zeichen oder verstecktes Problem?
Die Balearen verzeichnen Spaniens niedrigste Fehlzeitenquoten – rund 5,6 % insgesamt, 4,4 % bei Krankschreibungen. Hinter der guten Zahl verbergen sich Chancen, aber auch Risiken für Beschäftigte und Betriebe in der Hochsaison. Wir fragen: Warum ist das so – und wie kann man die Balance schützen?
Weniger Fehlzeiten auf den Balearen – ein Spiegel der Inselrealität
Am frühen Morgen, wenn die Espressomaschine in Palmas kleiner Café-Ecke vor der Plaça Major aufheult und die Kirchenglocken noch nachklingen, sieht man sie: die vertrauten Gesichter in den Läden, Werkstätten und Servicestellen. Statistik hat das bestätigt: Im ersten Quartal lagen die Balearen mit einer Fehlzeitenquote von etwa 5,6 Prozent deutlich unter dem spanischen Durchschnitt. Bei ärztlich bescheinigten Krankschreibungen sind es sogar nur rund 4,4 Prozent. Die Kanaren? Dort sind Krankschreibungen deutlich höher – das fällt auf. Warum die Balearen die niedrigste Fehlzeitenquote Spaniens melden.
Die zentrale Frage
Warum haben die Balearen so vergleichsweise wenige Fehltage – ist das nur ein gutes Zeichen, oder verbirgt sich dahinter auch ein Problem?
Was die Zahlen nicht sofort zeigen
Die nackten Prozente sind nützlich, aber unvollständig. Auf den Straßen von Inca, in den Küchen von Cala Millor oder an der Mole in Port de Sóller operieren viele kleine Teams. Wenn der Schreiner, die Servicekraft oder die Reinigungskraft fehlt, merkt das die ganze Schicht. Das erzeugt sozialen Druck, früh Bescheid zu sagen – oder lieber gar nicht erst wegzubleiben. Ein sonniger Wintertag kann Wunder wirken für das Gemüt, aber nicht automatisch für die Arbeitsbedingungen.
Dazu kommen saisonale Muster: Dienstleistungstourismus verlangt Präsenz, und viele Verträge sind temporär oder unter Druck der Saison vergeben. Manchmal fehlt eine breite Vertretungsstruktur. In kleinen Betrieben gibt es selten eine interne Reserve, und externe Aushilfen sind in der Hochsaison schwer zu finden. Das sind Faktoren, die in Statistiken nicht sofort sichtbar sind, aber den Alltag prägen. Warum auf den Balearen so viele Menschen zwei oder drei Jobs haben, dürften ebenfalls eine Rolle spielen.
Aspekte, die wenig diskutiert werden
Erstens: Präsenzkultur. Auf einer Insel, auf der jeder jeden kennt, zählt der persönliche Ruf – und wer häufig fehlt, gilt schnell als unzuverlässig. Zweitens: Stille Fehlanpassung. Manche arbeiten krank weiter, weil keiner die Rolle übernehmen kann. Drittens: Informelle Lösungen, von spontanen Schichttauschen bis unbezahlten Überstunden, spielen eine große Rolle. Viertens: psychische Belastungen – Stress in der Hochsaison, Schlafmangel durch Schichtarbeit, und mentale Erschöpfung werden oft weniger gesehen als Erkältungen oder klassische körperliche Erkrankungen.
Konkrete Chancen und Lösungsansätze
Die niedrigen Fehlzeiten sind nicht nur Anlass zur Sorge: Sie bieten auch Raum für Verbesserungen, die Beschäftigten wie Betrieben nutzen. Einige pragmatische Ansätze:
1. Regionale Vertretungspools: Gemeinden oder Branchenverbände könnten gemeinsam eine Art kurzfristigen Personalpool aufbauen – von Reinigungskräften bis zu Küchenhilfen – der in Spitzenzeiten abrufbar ist.
2. Bessere Arbeitszeitmodelle: Flexible Dienste, Schichttausch-Apps und klare Regelungen für Überstunden reduzieren Stillstand und Burn-out.
3. Gesundheitsangebote direkt vor Ort: Mobile Betriebsärzte, psychologische Kurzsprechstunden und Informationskampagnen zu Ansteckungsprävention könnten verhindern, dass Erkrankte trotzdem arbeiten. Alarmierende Impfquote auf den Balearen, betrifft vor allem auch solche Angebote.
4. Faire Vertragsformen: Saisonarbeit braucht Planbarkeit. Incentives für längerfristige Festanstellungen schaffen Reserven und senken Nervosität bei Fehlzeiten.
5. Kultur der Offenheit: Employer-Communities, die aus Erfahrung sprechen, und Arbeitgeber, die Krankheitstage nicht stigmatisieren, verringern die Neigung, krank zur Arbeit zu gehen.
Für wen die Entwicklung wichtig ist
Lokale Geschäftsinhaber und Personalplaner profitieren von verlässlichen Teams. Doch Beschäftigte brauchen Schutz vor Dauerbelastung. Die öffentliche Hand kann moderierend wirken – durch Förderprogramme für Vertretungssysteme oder durch Unterstützung für Gesundheitsangebote, die direkt in Gemeinden kommen.
Blick nach vorn
Die aktuelle Momentaufnahme ist nützlich, aber sie ist nur ein Teil der Erzählung. Bleibt die Quote niedrig, weil alle gesund bleiben? Oder bleibt sie niedrig, weil Menschen nicht fehlen können? Die Antwort entscheidet darüber, ob die Statistik ein Grund zur Freude oder ein Warnsignal ist. Wenn die Inselgemeinschaft diese Frage offen diskutiert, lässt sich beides erreichen: zuverlässige Betriebe und gesündere Arbeitsbedingungen.
Am Ende des Tages, wenn die Tram in Palma quietscht und der Wind von der Tramuntana kälter wird, ist klar: Ein freier Nachmittag am Meer hilft – aber nachhaltige Lösungen für Arbeit und Gesundheit braucht es trotzdem.
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