Wartezeit mit tödlicher Folge auf Mallorca: Fehler bei IB‑Salut

Sechs Monate zu spät: Wenn Warten tödlich wird — Was IB‑Salut jetzt beantworten muss

Ein Mann in Palma starb 2023 an Krebs — nach monatelanger Wartezeit auf einen Facharzttermin. IB‑Salut spricht von Fehlern und bietet Entschädigung an. Was folgt daraus für die Insel?

Ein vermeidbares Ende: Warum sechs Monate Wartezeit zur Todesursache werden können

Der Fall, der zuletzt in Palma für stille Empörung sorgt, lässt einen einfachen Satz schwer im Magen liegen: Hätte ein Termin früher stattgefunden, hätte sich das Schicksal womöglich anders gestaltet. Die Behörden von IB‑Salut räumen inzwischen Versäumnisse ein — doch die zentrale Frage bleibt: Wie konnte ein Patient zwischen erster Überweisung und Untersuchung ein halbes Jahr vergehen, obwohl er mehrfach Alarmzeichen zeigte?

Die Chronik des Wartens

Am 5. Mai 2022 überwies der Hausarzt des Mannes den Patienten an die Gastroenterologie des Krankenhauses Son Espases. Erst am 15. November 2022 fand die Untersuchung statt. In diesen sechs Monaten suchte der Patient mindestens neunmal seinen Hausarzt auf, erlitt einen Schwächeanfall auf der Straße und landete einmal in der Notaufnahme. Dennoch blieb ein Vorziehen des Fachtermins aus. Als der Spezialist schließlich untersuchte, war der Tumor so weit fortgeschritten, dass nur noch palliative Behandlung möglich war.

Leitfrage und erste Analyse: Was lief im System falsch?

Die Leitfrage dieses Falles lautet nicht nur „Wer zahlt?“, sondern „Welche Lücken in der Versorgung ermöglichten dieses Fatale?“ Auf den ersten Blick sind es wiederkehrende Versäumnisse: mangelhafte Terminsteuerung, fehlende Priorisierung bei deutlichen Alarmzeichen (Gewichtsverlust, wiederholte Notaufnahmen) und eine offenbar nicht funktionierende Kommunikation zwischen Hausarzt, Notaufnahme und Fachabteilung.

In den Cafés von Santa Catalina oder an der Plaça Major hört man seitdem öfter dieselbe Sorge: Patienten würden in Warteschlangen verschwinden, nicht in Akten. Das Geräusch der Telefonkonferenzen in den Fluren von Son Espases mischt sich mit der Hitze des mallorquinischen Sommers — und mit der Frage nach Verantwortlichkeit. Ein weiterer Aspekt, der in diesem Zusammenhang oft besprochen wird, sind die Wartelisten auf den Balearen.

Was das Gutachten sagt — und was es verschweigt

Das medizinische Gutachten anerkennt, dass einige Krebsarten stille Phasen haben und Diagnosen schwierig sein können. Gleichzeitig stellt es fest: Ein Gewichtsverlust von rund zwölf Kilo binnen sechs Monaten war ein klares Warnzeichen. Hier zeigt sich eine doppelte Schwachstelle: Die medizinische Triage hat diesen Parameter offenbar nicht als dringlich bewertet, und das Verwaltungssystem hat keine automatischen Eskalationsschwellen ausgelöst.

Das Gutachten bleibt technisch; die familiäre Seite bleibt emotional. IB‑Salut schlägt eine Zahlung von rund 60.000 Euro vor. Die Witwe und die beiden Kinder fordern 230.000 Euro — ein Streit über Geld, aber auch über Anerkennung, Gerechtigkeit und Verantwortungsübernahme. Die Frage bleibt, warum die Terminvergabe auf den Balearen so stark eingeschränkt ist.

Aspekte, die zu selten diskutiert werden

1) Datenblindheit: Viele Wartezeit-Statistiken sind aggregiert, anonymisiert und damit untauglich, um einzelne gefährdete Patienten zu identifizieren. Ein System, das nur Durchschnittswerte schaut, übersieht Ausreißer wie diesen Mann.

2) Verantwortung der Notaufnahmen: Wenn Patienten wiederholt in Notaufnahmen erscheinen, sollte das System Alarm schlagen — nicht nur dokumentieren und entlassen.

3) Soziale Folgen: Auf Mallorca wählen viele Menschen privatversicherte Zusatzpakete, weil sie die öffentlichen Wartezeiten fürchten. Das spaltet die Versorgung in eine, die sich leisten kann, und eine, die warten muss. Dies ist ein Thema, das auch bei medizinischem Betrug in Palma eine Rolle spielt.

Konkrete Vorschläge — was IB‑Salut kurzfristig ändern kann

Es reicht nicht, Fehler einzuräumen und Entschädigungen anzubieten. Das System braucht pragmatische Änderungen:

- Einführung von Eskalationsregeln: Automatische Vorziehung bei dokumentiertem Gewichtsverlust, wiederholten Notaufenthalten oder mehrfachen Hausarztbesuchen innerhalb kurzer Zeit.

- Medikations- und Symptom‑Alerts: Ein digitales Flag, das behandelnde Teams informiert, wenn ein Patient innerhalb von Wochen deutlich an Gewicht verliert oder mehrfach auffällig wird.

- Patientennavigation: Spezielle Fallmanager, die für Risikopatienten Termine nachverfolgen, Kontakt halten und bei Verzögerungen intervenieren. Wenn wir uns die Situation anschauen, wird deutlich, dass auch eine Hotline für Arzttermine unverzichtbar ist.

- Transparenz und unabhängige Auditierung: Öffentliche Berichte über Wartezeiten nach Dringlichkeit, nicht nur nach Kalenderwochen.

- Schmerzensgeldrahmen überprüfen: Statt Pauschalangeboten unabhängige Kommissionen einsetzen, die Schaden, Vermeidbarkeit und familiäre Folgen ganzheitlich bewerten.

Was Angehörige jetzt tun können

Für die Menschen, die derzeit auf Termine warten, gilt: Dokumentieren. Datum, Uhrzeit, Symptome, wann der Hausarzt überwiesen hat, alle Notaufnahmebesuche — das kann später entscheidend sein. Hartnäckig bleiben: Nachfragen, schriftliche Überweisungen fordern, bei Bedarf eine private Abklärung anstreben. Und: Die Stimmen der Nachbarn zählen — im Markt, im Café, auf dem Camino de Sant Miquel hört man, welche Lücken der Alltag offenbart.

Ein bitterer Denkzettel für die Insel

Der Fall ist mehr als ein Einzelfallbericht. Er ist ein Signal: Wenn Verwaltung, Medizin und digitale Systeme nicht besser zusammenspielen, verlieren nicht nur Angehörige das Vertrauen — es sterben Chancen. IB‑Salut muss jetzt beweisen, dass Fehler zu nachhaltigen Änderungen führen. Sonst bleibt von der Entschädigung am Ende nur Bares statt echter Sicherheit für die nächsten Menschen, die in den Fluren von Son Espases oder in den Warteschlangen der Fachambulanzen ausharren.

Am Markt in Palma, zwischen Olivenständen und dem Klappern von Tassen, diskutieren Leute längst nicht nur über Politik oder Wetter. Sie zählen Karten mit Ärztenamen, tauschen Erfahrungen aus und hoffen, dass Hören und Nachfragen künftig mehr bewegen als Zufall.

Ähnliche Nachrichten