Ex-PR-Frau auf Mallorca: Vom Boardroom zur KI-Kunst

Vom Konferenzraum zur KI-Leinwand: Wie eine Ex-PR-Frau auf Mallorca neu beginnt

Astrid Thieme tauschte Anzüge und Boardrooms gegen Prompts und Meeresrauschen. Auf Mallorca baut sie sich ein Leben zwischen KI-Bildern, Pop-up-Showings und kleinen Aufträgen auf. Was bedeutet das für Kreativität, Einkommen und die Inselgemeinschaft?

Vom Meetingraum ins kleine Atelier an der Küste

Es ist halb acht an einem Septembermorgen auf der Plaça, die Luft noch frisch, irgendwo klackert ein Deliveroo-Rad. Astrid Thieme gießt einen Espresso, setzt sich an den kleinen Tisch in ihrer Küche und öffnet den Laptop. Früher hastete sie in maßgeschneiderten Kostümen von Vorstandstermin zu Vorstandstermin. Heute tippt sie Sätze in ein Programm, hört das leise Summen des Rechners und sagt mit einem verschmitzten Lächeln: „Ich male mit Wörtern.“

Wie ein Urlaub das Leben umkrempelte

Der Umschwung begann nicht dramatisch, sondern leise: ein langer Sommer 2023 auf der Insel, die eigentlich nur Zwischenstation sein sollte. Dublin war geplant, doch Mallorca hatte andere Pläne. „Die Insel lässt mich atmen“, erzählt Astrid im Café an der La Lonja, wo die Bedienung sie inzwischen mit Namen begrüßt. Zurück in Deutschland kündigte sie den PR-Job – und stürzte erst einmal in ein Loch. Eine Freundin fragte schließlich ganz praktisch: „Was macht dir Freude?“ Die Antwort lautete: Formulierungen, Bildideen, das Jonglieren mit Worten.

Wörter als Pinsel: Die neue Handwerkslehre

Statt Pinsel nutzt Astrid heute Prompts – präzise Anweisungen an eine KI. Mit Midjourney experimentierte sie, lernte schnell, dass die Sprache das wichtigste Werkzeug ist. „Die richtigen Worte müssen sitzen, sonst wird’s nur Rauschen“, sagt sie und zeigt ein Motiv auf ihrem Smartphone: Frauenkörper, Muscheln, Meeresmuster verschmolzen in einer Serie, die sie Metamorphose nennt. Nicht Effekthascherei, betont sie, sondern eine Arbeit über Veränderung.

Doch die Debatte um KI-Kunst nagt im Hintergrund: Können Maschinengefühl erzeugen? Sind diese Bilder wirklich Kunst? Eine zentrale Frage bleibt: Geht es bei KI-Kunst nur um Technik oder um Haltung und Narrativ? Astrid sagt: „Wer glaubt, dass KI keine Gefühle transportiert, hat meine Serie nicht lange genug angesehen.“

Ein neues Geschäftsmodell – ganz bodenständig

Geld fließt nicht wie früher aus Monatsgehältern. Stattdessen entstehen Kleinigkeiten: Eintrittskarten für ein kleines Kino im Westen der Insel, ein Logo für ein Café in Sencelles, Beratung für lokale Unternehmer. „Thieme Consulting SL“ klingt offiziell, ist aber eine pragmatische Konstruktion, die ihr Freiheit und zugleich Einnahmen ermöglicht. Morgens arbeitet sie am Rechner, nachmittags geht sie ans Meer — der Wellenton ist oft die beste Korrektur zum Bildschirmlicht. Im Atelier: ein Schreibtisch, eine Zimmerpflanze, eine To‑do‑Liste an der Wand und Katze Mona, die gern zwischen Tastatur und Espresso liegt.

Was in der öffentlichen Diskussion oft fehlt

Bei aller Romantisierung fehlen praktische Aspekte: Zugang zu Technik, Lernkurven, rechtliche Fragen und Umweltkosten. Nicht jede*r verliert den Anzug, um sofort erfolgreich KI-Kunst zu verkaufen. Training, Community, Mentor*innen — das sind Ressourcen, die oft unterschätzt werden. Noch ein Punkt: Urheberrecht. Wer sitzt am Ende an den Rechten für ein Werk, das aus einem Prompt und einer Vielzahl von Trainingsdaten entstanden ist? Die Insel-Community diskutiert solche Fragen kaum laut, es wird mehr genickt als debattiert.

Chancen für Mallorca — und wie man sie nutzt

Die Entwicklung birgt Chancen: Kreative Neukombinationen, bezahlbare Gestaltung für kleine Unternehmen, neue Ausstellungskonzepte. Damit das nicht nach einer unausgewogenen Tech-Blase klingt, braucht es konkrete Schritte:

1. Transparenz im Schaffensprozess: Ausstellungen sollten Begleittexte anbieten, die erklären, wie ein Bild entstanden ist — Prompt, Nachbearbeitung, Intention. Besucher hören lieber die Meeresbrise, wenn sie auch wissen, wie das Werk geatmet hat.

2. Lokale Ausbildungsangebote: Workshops in Palma, Kooperationen mit Kunstschulen und Kulturzentren, gezielte Kurse zur Prompt-Formulierung und Bildnachbearbeitung — nicht als Trend, sondern als Handwerk.

3. Netzwerke und Ateliergemeinschaften: Coworking für digitale Künstler, gemeinschaftliche Ausstellungsräume und juristische Beratung – damit kreative Gründerinnen nicht allein dastehen.

4. Faire Geschäftsmodelle: Mikroaufträge für lokale Betriebe, transparente Preisgestaltung und Kommissionsmodelle, die auch traditionelle Handwerker einbinden. Zudem ist es wichtig, dass kreative Prozesse offen und nachvollziehbar sind, weshalb der Austausch untereinander gefördert werden sollte.

Zwischen Neugier und Kopfschütteln

Auf der Insel begegnet man Astrid mit Neugier — und gelegentlichem Kopfschütteln. Manche Nachbarn verstehen die Technik nicht, andere mögen die Bilder nicht. Aber genau das macht den öffentlichen Raum spannend. Change ist nie still und nie allein technisch; er betrifft Beziehungen, Einkommen und Kultur. Astrid hat nicht über Nacht eine Künstlerin geworden. Sie hat sich erlaubt, etwas Neues ernsthaft zu lernen.

Wer sie sehen möchte: Astrid zeigt ihre Arbeiten regelmäßig in einem kleinen Pop-up in Palma und freut sich über Zuschriften. Und Rudi? Er durfte neulich wieder an den Rechner – das Ergebnis blieb diesmal in der Schublade.

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