
Wer hilft nach den Unwettern auf Ibiza? Ein Reality-Check für Betroffene
Die Balearenregierung hat fünf Millionen Euro bereitgestellt. Reicht das, um die Schäden auf Ibiza zu ersetzen — und wer fällt durch das Raster? Ein kritischer Blick.
Wer hilft nach den Unwettern auf Ibiza? Ein Reality-Check für Betroffene
Wofür reichen die Soforthilfen — und wo hakt die Notfall‑Logik?
Am 5. Dezember 2025 hat die Balearenregierung ein erstes Hilfspaket angekündigt: Fünf Millionen Euro, gestaffelte Pauschalen für beschädigte Wohnungen (2.500 Euro), ausgefallene Autos (1.500 Euro bei Totalschaden) und Hilfen für Selbstständige und Kleinbetriebe von bis zu 10.000 Euro. Anträge können Betroffene laut Mitteilung beim Inselrat von Ibiza oder online stellen, voraussichtlich bis zum 8. Januar. Das sind die Fakten. Die Leitfrage aber bleibt: Wer kann mit diesem Geld wirklich seine Lage stabilisieren — und wer bleibt auf der Strecke?
Die Zahlen klingen gut, solange man sie auf Papier betrachtet. Zwei‑tausend‑fünfhundert Euro pro beschädigter Wohnung decken in vielen Fällen nicht einmal die Sicherheits‑ und Trockenlegungsarbeiten, die nach einem Überschwemmungsschaden sofort nötig sind. Wer in den Hafenorten wie Sant Antoni oder in den engen Gassen von Dalt Vila wohnt, weiß: Reparaturen kosten schnell das Doppelte oder Dreifache. Dass pro Auto bei Totalschaden 1.500 Euro gezahlt werden, ist für Menschen ohne Zweitwagen nett, aber kein Ersatz für verlorenes Werkzeug, das in vielen Werkstätten, bei Selbstständigen oder in landwirtschaftlichen Betrieben im Fahrzeug gelagert war. Über weitere Details zu den Hilfen erfahren Sie in unserem Artikel Fünf Millionen für Ibiza: Ein Tropfen auf die heiße Insel?.
Und ja: Die Pauschalen sind administrativ einfach — das ist Absicht. Schnelle Hilfe bedeutet weniger Bürokratie. Doch hier liegt die zweite Frage: Was ist mit Folge‑Kosten? Stromausfall, Schimmel, psychische Belastung, vorübergehende Unterkunft, verloren gegangene Saisonaufträge für Gastronomen und Handwerker — all das taucht in der ersten Rechnung nicht auf. Wer über die Insel von Port de Sóller nach Palma schaut, sieht die Logistikketten: LKWs, Frachtschiffe, Menschen, die Hilfsgüter transportieren. Auf Ibiza fehlt oft die Kapazität, sofort umfassend zu reagieren. Ein Artikel zu den aktuellen Wetterbedingungen verdeutlicht die Situation.
Was im öffentlichen Diskurs kaum vorkommt: die Zeitachse der Wiederherstellung. Die Pauschalen sind kurzfristig gedacht. Für mittel‑ und langfristige Schäden — Gebäude mit strukturellen Problemen, ausfallende Geschäftsjahre, entgangene Mieteinnahmen — braucht es andere Instrumente: zinsgünstige Kredite, steuerliche Erleichterungen, Beratungsangebote für Schadensregulierungen oder Anwaltskosten. Außerdem: Wer kontrolliert, ob das Geld die Menschen erreicht, die es am nötigsten haben? Transparenz bei der Vergabe und eine unabhängige Prüfung fehlen oft in solchen Programmen.
Ein Alltagsszene, die man so in Palma und an den Fähranlegern beobachtet: Ein Landwirt aus dem Raiguer rollt mit Anhänger vorbei, beladen mit Matratzen und Decken für Verwandte auf Ibiza; in einer Bar in Santa Catalina sitzen zwei befreundete Bauunternehmer und diskutieren, ob sie für ein halbes Jahr Arbeitskräfte anhalten sollen, obwohl kaum Aufträge reinlaufen. Solche kleinen Bilder zeigen: Die Katastrophe ist keine isolierte Rechnung, sie ist vernetzt mit Arbeit, Familie, Tourismus und dem, was auf dem Markt an Material verfügbar ist.
Konkrete Lösungsansätze liegen auf der Hand und sollten jetzt parallel ablaufen: Erstens eine transparente, mehrstufige Hilfsorganisation, die kurzfristige Pauschalen mit mittelfristigen Krediten verbindet. Zweitens ein lokales Beratungsangebot — mobile Teams, die Betroffene bei der Antragstellung, bei Versicherungsfragen und bei bautechnischen Prioritäten unterstützen. Drittens Vorratslager mit Baumaterial und Infrastrukturausrüstung, die nicht erst bestellt werden müssen, wenn die Regenwolken zurückkehren. Viertens: ein Notfallfonds für Miet- und Unterbringungskosten, damit Familien nicht in prekäre Situationen gedrängt werden.
Für Selbstständige und Kleinbetriebe würde ein abgestuftes System helfen: Soforthilfe für laufende Kosten (Strom, Miete), Überbrückungszuschüsse für entgangene Einnahmen und Zuschüsse für Wiederbeschaffung von Betriebsmitteln — nicht nur eine maximale Pauschale. Steuerliche Stundungen und die Möglichkeit, öffentliche Aufträge priorisiert zu vergeben, könnten zudem den Wiederanlauf beschleunigen.
Ein letzter, harter Punkt: Die fünf Millionen sind ein Anfang, aber sie sind begrenzt. Wenn die Ressourcen verteilt werden, entscheidet das Kriterienkatalog. Je genauer die Kriterien, desto fester das Raster — und desto größer das Risiko, dass Menschen mit „ungewöhnlichen“ Schäden durchs Netz fallen. Mehr Flexibilität in Einzelfällen ist daher wichtig.
Fazit: Dass die Balearenregierung Geld bereitstellt, ist notwendig und richtig. Die Spanne zwischen schneller, einfacher Hilfe und echter Wiederherstellung ist jedoch groß. Wer auf Ibiza jetzt ansteht, braucht mehr als eine einmalige Pauschale: transparente Verfahren, gezielte Beratungsangebote, Mittel für die Folge‑Monate und eine Perspektive für Betriebe, die ohne Saisonumsatz nicht überleben. Lokal organisierte Initiativen, zügige Abstimmung zwischen Inselrat, Gemeinden und Hilfsorganisationen sowie ein Auge auf die Vergabepraxis sind jetzt das, was den Unterschied macht. Die nächste Regentonne steht vielleicht nicht vor der Tür — aber die Rechnung dafür, was wir nicht mitgedacht haben, wird irgendwann ins Haus flattern.
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