
Der Maler, der sich selbst erfand: Wie ein junger Wiener Mallorca zeichnete
Vor 100 Jahren kam ein 19‑jähriger Zeichner nach El Terreno. Sein Tagebuch und seine Blätter, lange unter dem Pseudonym Francis Caron bekannt, gehören heute zu den lebendigsten Beschreibungen eines Mallorca vor dem Massentourismus. Jetzt ist die wahre Identität geklärt.
Der Maler, der sich selbst erfand
An einem warmen Septembermorgen, wenn die Glocken der Kathedrale über den Passeig Mallorca hängen und die Möwen über der Cala de Sa Calatrava schreien, fällt einem manchmal ein Blatt Papier in die Hand, auf dem die Insel so ungekünstelt wirkt, wie sie einst war. Vor hundert Jahren kam ein junger Mann aus Mitteleuropa hierher, zog ein Zimmer in El Terreno und begann zu zeichnen, zu beobachten und aufzuschreiben. Seine Arbeiten landeten später in einem Buch unter einem englischen Pseudonym. Erst jetzt lässt sich das Puzzle zusammensetzen.
Der Fremde war kaum zwanzig und brachte die Strenge der Wiener Akademie in seinen Strichen mit. Er fand in den schattigen Straßen von Palma, beim Duft frisch gebackener Ensaimadas in einer Bäckerei an der Calle Alfonso, Motive für feine Radierungen: einfache Bauernhöfe, die gekrümmten Linien von Esplanaden, Frauen, die Körbe vom Balkon hinablassen, Männer in Espadrilles. Seine Beobachtungen lesen sich wie Notizen eines/einer Mitbewohners/in: nicht distanziert, sondern eingeübt im Alltag.
Ein Buch, viele Namen
Die Zeichnungen und Tagebucheinträge erschienen 1939 unter dem Titel „Majorca. The Diary of a Painter” und unter dem Namen Francis Caron. Jahrzehntelang blieb der Verfasser ein Schatten: ein charmantes Pseudonym, mehr Rätsel als Person. Wer damals durch El Terreno ging, hätte vielleicht einen schlaksigen jungen Mann in abgetragenem Anzug gesehen, der mit kritischem Blick die Bootswerft beobachtete oder mit einem Bleistift an der Promenade saß. Doch derjenige, der diese Szenen gesammelt hatte, war lange nicht als jener Künstler erkennbar, der schon in Wien und anderswo gearbeitet hatte.
Die Enttarnung
Die Spurensuche begann bei den Bildern selbst. Manche Radierungen tauchten in frühen Mappen wieder auf; andere Motive fanden sich in Drucksachen und Ausstellungskatalogen der späten 1920er‑ und 1930er‑Jahre. Schließlich lief alles zusammen: Der Mann hinter dem Pseudonym war Franz Heinrich Taussig, geboren 1906 in der Gegend um Prag und in Wien ausgebildet. Ein Einwanderungsdokument aus den USA, das beide Namen nennt, brachte die entscheidende Bestätigung: Caron und Taussig waren dieselbe Person.
Vom Zeichenbrett zur Werkbank der Erfindung
Taussigs Leben nahm ungewöhnliche Wendungen. In den Jahren nach Mallorca arbeitete er als Grafiker und Illustrator in mehreren europäischen Städten. Der Nationalsozialismus zwang ihn zur Flucht; über Etappen in Paris und London gelangte er schließlich nach Übersee. Dort legte er das Pinselhandwerk weitgehend beiseite und wandte sich technischen Erfindungen und Patenten zu. Unter einem weiteren Namen – einem spanisch klingenden Alias – wurde er Teil einer anderen Welt: der Erfinder, nicht mehr ausschließlich der Maler. Er starb 1989 in den USA.
Warum das für Mallorca wichtig ist
Es geht nicht nur um einen schönen Namen in einer Kunstbiografie. Diese Blätter sind Fenster in eine Insel, die sich verändert hat: Sonntagsgesten, die Sprache an der Plaza, Preise für Zimmer und Mensa‑Essen, die heute fast unglaublich klingen. Die Bilder zeigen keine Postkartenidylle, sondern einen Alltag, der von kleinen, konkreten Handlungen geformt war. Das macht sie gerade für uns auf Mallorca wertvoll: Sie bieten eine direkte Begegnung mit Menschen, Gerüchen und Arbeitsweisen, die sonst nur in Archiven schlafen würden.
Eine lokale Alltagsbeobachtung
Wenn ich heute morgens am Passeig entlanglaufe, sehe ich Händler, die wie früher ihre Waren anpreisen, ältere Frauen, die sich kurz unterhalten, ein Kind, das mit dem Vespa‑Motor rattert. Diese Szenen hätten den jungen Taussig sicher gefallen. Er blieb nicht nur Zuschauer; er lernte Mallorquinisch, trug Espadrilles und aß mit den Menschen. Genau diese Nähe verleiht seinen Zeichnungen Wärme und Wahrhaftigkeit.
Ein Aufruf zur Pflege des visuellen Erbes
Die Geschichte von Taussig erinnert uns daran, wie fragil visuelle Zeugnisse sind: Grafiken können falsch zugeschrieben werden, Bücher verschwinden, Namen werden geändert. Deshalb ist es ein Gewinn, wenn Recherche und Archivarbeit Bilder wieder zusammenschieben und Biografien vervollständigen. Für Museen, Sammler und Lokalarchive auf der Insel heißt das: bewahren, katalogisieren, zugänglich machen. Jedes Blatt kann künftig zur Brücke werden, die Gegenwart und Vergangenheit spricht.
Dass ein junger Wiener vor einem Jahrhundert Mallorca nicht nur konsumierte, sondern sich einlebte, ist eine Einladung an uns: Hinschauen, zuhören, die kleinen Geschichten aufheben. Solche Fundstücke nähren unser Verständnis von der Insel mehr als jeder stereotype Prospekt.
Ausblick: Wer die Originalblätter oder die Tagebucheinträge sehen möchte, findet sie heute in verschiedenen Sammlungen und Archiven; die Enttarnung des Autors sollte Anlass sein, die kleinen Ausstellungen in Bibliotheken oder Kulturzentren wieder verstärkt zu beachten. Für Mallorca bedeutet die Aufarbeitung solcher Biografien: mehr Kontext, mehr Erinnerung, mehr Gründe, die eigene Geschichte zu erzählen.
Häufige Fragen
Wer war der Maler, der Mallorca zeichnete und sich hinter dem Pseudonym Francis Caron verbarg?
Welche Motive zeigen Taussigs Mallorca-Zeichnungen?
Wie kam es zur Enttarnung des Malers hinter dem Pseudonym Francis Caron?
Warum ist Taussigs Mallorca-Biografie wichtig für das visuelle Erbe der Insel?
Gibt es konkrete Orte in Mallorca, die in Taussigs Zeichnungen auftauchen?
Wo kann man heute Originalblätter oder Tagebucheinträge Taussigs sehen?
Welche Reisezeit empfiehlt sich, um Mallorca kulturell zu erleben und Archive zu besuchen?
Welche Bedeutung haben Taussigs Arbeiten heute für Mallorca?
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