Son Bordoy: Neubau kontra Nachbarschaft – was Palma jetzt tun muss

Son Bordoy auf dem Prüfstand: Wenn Neubau die Nachbarschaft verschluckt

Im Viertel Son Bordoy haben die ersten Räumungen begonnen. Zwischen MA-19, El Molinar und Flughafen droht bei einem Großprojekt für 750 Wohnungen der Verlust gelebter Nachbarschaft. Rechtliche Fragen, fehlende Transparenz und wirtschaftliche Folgen stehen im Fokus.

Son Bordoy auf dem Prüfstand: Wenn Neubau die Nachbarschaft verschluckt

Am frühen Montagmorgen mischte sich das vertraute Piepen der Baufahrzeuge an der MA-19 mit Stimmen, die hier seit Jahrzehnten den Alltag teilen. Vorbei an Balkonen mit Wäscheleinen, Katzen, Kindern, die zur Schule fahren, wurden in Son Bordoy die ersten Räumungen angeordnet. Das geplante Neubaugebiet für bis zu 750 Wohnungen klingt nach Wachstum — für viele Betroffene bedeutet es Verlust von Zuhause und sozialer Sicherheit. Die zentrale Frage bleibt: Wie viel Entwicklung darf Palma kosten, bevor die Stadt ihre eigene Seele verliert?

Was jetzt passiert

In den ersten Tagen wurden rund 200 Menschen aufgefordert, ihre Wohnungen zu verlassen. Für sie sind das keine Zwischenquartiere, sondern lebenslange Adressen: der Bäcker an der Ecke, die Nachbarin mit dem Katzenfutter, die gewohnte Buslinie. Offiziell spricht die Verwaltung von geordneten Umsiedlungen und Ersatzwohnraum. Doch an der Carrer de la Mar fehlen klare Listen, nachvollziehbare Fristen und verbindliche Angebote. Viele Bescheide wirken kurzfristig und schwer verständlich — ein administrativer Druck, der den Alltag zerrt.

Das juristische Fragezeichen: das Abkommen von 1992

Ein zentraler Streitpunkt ist ein angebliches Nutzungsabkommen von 1992, das einzelnen Anwesen Wohnschutz zugesichert haben soll. Bewohner erinnern sich an Unterschriften und Zusagen aus jener Zeit; die Stadt relativiert die Rechtswirkung. Solche Ungereimtheiten sind mehr als juristisches Detail: Sie entscheiden, wer Anspruch auf Ersatzunterkunft, Fristen und Rechtsschutz hat. Solange das in der Schwebe bleibt, leben Familien in einer Lücke zwischen Papier und Straße.

Zwischen Verwaltung, Investoren und Menschen

Die Interessen sind auf den ersten Blick klar verteilt. Die Verwaltung möchte neue Wohnfläche, Investoren sehen Rendite nahe Flughafen und Strand. Dazwischen stehen Menschen, deren Alltag aus kleinen, unscheinbaren Dingen besteht: der Plausch vorm kleinen Supermarkt, die Unterstützung beim Einkaufen für ältere Nachbarn, Handwerkeraufträge, die den Lebensunterhalt sichern. Wer zahlt die Zwischenlösungen? Wer hilft beim Tragen der Möbel? Fragen, die weder in Investorenpräsentationen noch in Bebauungsplänen auftauchen.

Alltägliche Netze sind kein Luxus

Wer schon einmal auf den Markt von El Molinar gegangen ist, kennt den Rhythmus: Verkäufer rufen, Kinder spielen, jemand bringt die Zeitung zur Haustür. Diese informellen Netze sind schwer zu zählen, aber leicht zu verlieren. Kinder verlieren Spielkameraden, ältere Menschen ihre Einkaufshilfe, kleine Betriebe ihre Stammkundschaft. Ein Bewohner bringt es nüchtern auf den Punkt: "Das ist mehr als eine Adresse. Hier ist unser Alltag."

Wenig beachtete Folgen

Oft unterschätzt werden die wirtschaftlichen Kettenreaktionen: Die Bäckerei an der Ecke, der kleine Schreiner, der Reinigungsdienst — sie alle hängen an stabilen Mietern. Wenn erste Familien wegziehen, steigt der Druck auf Preise; Boden- und Mieten können schnell in die Höhe schießen. Das gewünschte Aufhübschen eines Viertels kann so in eine Verdrängungsspirale umschlagen und am Ende die Attraktivität des Ortes mindern. Ein modernes Viertel mit leeren Ortsläden ist wenig erstrebenswert.

Was bislang fehlt

Betroffene berichten von mangelhafter Information. Fristen seien zu kurz, Bescheide unverständlich. Die Unterstützergruppe PAH fordert eine unabhängige Überprüfung der Verfügungen und verbindliche soziale Kriterien für jedes Neubauprojekt: wirklich bezahlbare Alternativwohnungen, längere Übergangsfristen, finanzielle Hilfen für Umzug und Einrichtung. Viele Versprechen existieren, aber zu wenige davon sind schriftlich gesichert. Ein Beispiel für dringend benötigte Antworten findet sich in dem Artikel Wenn die Nachbarschaft dem Markt weicht: Wege aus der Wohnungsnot auf Mallorca.

Konkrete Lösungsansätze — sofort und mittelfristig

Es gibt Maßnahmen, die kurzfristig Druck aus dem Verfahren nehmen könnten: ein Moratorium für Zwangsräumungen, bis die Rechtslage zum Abkommen von 1992 klar ist; eine öffentlich zugängliche Liste aller betroffenen Adressen mit klaren Fristen; verbindliche Zusagen für Übergangswohnungen und Umzugshilfen; sowie die Einrichtung einer Vermittlungsstelle mit unabhängiger Rechtsberatung vor Ort. Mittelfristig braucht Palma verbindliche soziale Quoten bei Neubauten, Community-Benefit-Agreements, die lokale Arbeitsplätze und Betriebskosten für kleine Läden sichern, sowie ein Erhaltungsprogramm für Nachbarschaftstreffpunkte. Die Diskussion zu neuen Bauprojekten wird zudem durch Palma plant 3.500 Wohnungen: Chance für Son Güells – oder zu viel Tempo, zu wenig Planung? beleuchtet.

Der kommende Tag wird wichtig

Morgen treffen Vertreter der PAH, betroffene Nachbarn und ein Stadtrat zusammen. Entscheidend ist, ob die Verwaltung konkrete, schriftlich bindende Maßnahmen vorlegt — nicht nur Absichtserklärungen. Stadtentwicklung darf nicht allein in Planungsbüros entschieden werden; sie muss die Stimmen der Menschen hörbar einbinden. Sonst droht aus einem Chancenprojekt eine soziale Schlitterbahn zu werden.

Unser Eindruck: Son Bordoy könnte modernen Wohnraum und Lebensqualität bringen. Ohne Transparenz, klare Regeln und echte Alternativen droht das Projekt jedoch, tiefe Risse in Palmas sozialen Gefüge zu reißen. Die kommenden Wochen entscheiden, ob die Baustellen später von Leben oder Protesten geprägt sind. Zudem ist es wichtig, die Entwicklungen rund um Avenidas im Zwiespalt: Neues Wohnhaus, alte Fassade — und viele offene Fragen zu beobachten.

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