
„Sie wollen uns vertreiben“: Alteingesessene in Santa Catalina gegen mutmaßlichen Investor
„Sie wollen uns vertreiben“: Alteingesessene in Santa Catalina gegen mutmaßlichen Investor
Eine Familie in der Straße Pursiana fühlt sich seit Jahren von Verkäufen, Umbauten und Ferienvermietungen bedrängt. Was steckt hinter den Vorwürfen – und warum bleibt die Stadt tatenlos?
„Sie wollen uns vertreiben": Alteingesessene in Santa Catalina gegen mutmaßlichen Investor
Leitfrage
Wie kann es sein, dass eine Familie im Herzen von Santa Catalina seit Jahren Anzeigen und Gerichtsverfahren führt und trotzdem neben lauter werdenden Ferienvermietungen und Baumaßnahmen weiter lebt, als sei der öffentliche Raum ihnen gestohlen worden?
Kritische Analyse
Die Szene in der Pursiana, einer schmalen Straße, die direkt auf den lebhaften Markt von Santa Catalina zuläuft: schreiende Kinder, Gastronomen, die Tische aufstellen, an einem Vormittag ein ständiges Klackern von Kofferrädern. Genau dort liegt ein Haus, dessen Bewohner behaupten, Investoren hätten in den vergangenen Jahren mehrere Einheiten gekauft und in Ferienwohnungen verwandelt. Nach Angaben der Anwohner sollen ein britischer Käufer bereits 2015 ohne Genehmigung tragende Wände entfernt haben; später kam ein schwedischer Unternehmer hinzu, der weitere Wohnungen zu Maisonettes umbaute, Dachaufbauten schuf und Wohnbalkone in Türen verwandelte. Die Familie Porcel, die seit Generationen dort lebt, berichtet von wiederholten städtebaulichen Verstößen, ruhestörendem Durchgangsverkehr der Gäste und sogar von Einschüchterungen aus dem Innenhof.
Formal lief vieles über Anzeigen, ein Gerichtsverfahren wurde gewonnen, aber praktische Folgen blieben begrenzt: Forderungen werden nicht beglichen, Beschlüsse lassen sich schwer durchsetzen, Sanierungsaufwand ruiniert mittlerweile die Haushaltslage der Betroffenen. Die Vorwürfe reichen von illegaler touristischer Vermietung in einem Mehrfamilienhaus bis zu baulichen Veränderungen, die nach Angaben der Familie ihre Wohnqualität massiv mindern.
Was im öffentlichen Diskurs fehlt
Die Diskussion über Gentrifizierung auf Mallorca dreht sich oft um Zahlen, Hotels und große Projekte. Selten aber geht es um den Alltag jener, die zwischen Erosionsprozessen an ihrem Zuhause festhalten. Es fehlt ein klarer Blick auf das Zusammenspiel von privatem Immobilienspekulationsinteresse, schleppender Kommunalverwaltung und der Grauzone rund um kurzfristige Ferienvermietungen. Ebenfalls kaum thematisiert: die Lücke, die entsteht, wenn Menschen rechtlich zwar „im Recht" sind, praktisch aber keine Mittel haben, um Urteile durchzusetzen oder Ersatzansprüche einzutreiben.
Alltagsszene aus Mallorca
Ein Mittwochmittag in Santa Catalina: der Geruch von frisch gemahlenem Kaffee aus der Calle Joan Miró, Lieferanten, die Paletten mit Olivenöl und Meeresfrüchten die Straßen hinaufrollen, junge Leute mit Laptops vor Coworking-Spaces. Inmitten dieses Trubels sitzt María Porcel an ihrem Fenster in der Pursiana und beobachtet, wie auf der gegenüberliegenden, neu geschaffenen Terrasse Tische für Gäste gedeckt werden. Das Klirren von Gläsern mischt sich mit dem dumpfen Ton von Kofferrädern. Eine Nachbarin ruft von der Straße, dass wieder ein neues Paar „für drei Nächte“ angekommen sei. Für die Porcels ist das kein Szenario, sondern tägliche Belastung: weniger Ruhe, weniger Sicherheit, das Gefühl, in den eigenen vier Wänden permanent fremd zu sein.
Konkrete Lösungsansätze
1) Verstärkte kommunale Durchsetzung: Stadträte müssen Ressourcen bündeln, um rechtskräftige Beschlüsse sofort zu vollstrecken. Wenn ein Gericht Sanierungszahlungen anordnet, braucht es ein Amt, das notfalls die Arbeiten durchführt und Kosten einzieht.
2) Transparente Eigentümerregister: Wer in einem Wohnblock mehrere Einheiten aufkauft, sollte offenlegen, ob eine Nutzung als dauerhafter Wohnraum oder touristische Vermietung geplant ist. Solche Transparenz hilft Nachbarn und Verwaltung, Interessenabwägungen zu treffen.
3) Sozialrechtliche Hilfe ausweiten: Familien wie die Porcels fallen knapp durch Raster für Prozesskostenhilfe. Eine erweiterte, gestaffelte Unterstützung bei Bausachen und Mietrechtsstreitigkeiten würde Betroffenen ermöglichen, Urteile nicht nur zu erkämpfen, sondern auch durchzusetzen.
4) Sanktionen gegen mutmaßlich illegale Ferienvermietungen: Wiederholte Verstöße müssen zu empfindlichen Bußgeldern und zur Schließung führen. Parallel dazu sollten Anreize für Vermietung an Langzeitmieter geschaffen werden, etwa durch Steuervergünstigungen für Eigentümer, die Wohnungen fest vermieten.
Was sofort passieren könnte
Die Stadt kann kurzfristig Kontrollen in betroffenen Straßen wie der Pursiana intensivieren, Anzeigen miteinander verknüpfen und bei Wiederholungstätern Betriebsschließungen androhen. Auf lokaler Ebene sind Nachbarschaftsinitiativen zu stärken: ein kleines Netzwerk aus betroffenen Bewohnern, Rechtsberaterinnen und dem Bezirksamt kann schneller reagieren als langsame Verwaltungswege.
Pointiertes Fazit
Santa Catalina bleibt ein lebendiges Viertel, aber es droht, zur Spielwiese für Kapitalinteressen zu werden, wenn klare Regeln nicht durchgesetzt werden. Die Geschichte der Porcels ist kein Einzelfall, sondern ein Warnsignal: Ohne gezielte Eingriffe verlieren langjährige Bewohner nicht nur ihre Ruhe, sondern oft auch ihre finanzielle Existenz. Wer die Vielfalt Palmas erhalten will, muss das Recht derigieren — nicht nur auf dem Papier, sondern auf der Straße, in der Pursiana, am Fenster von María Porcel. Weitere Informationen über die Herausforderungen in der Nachbarschaft finden Sie in unserem Artikel Santa Catalina: Markt zwischen Alltag und Inszenierung.
Für Dich gelesen, recherchiert und neu interpretiert: Quelle
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