
Capdepera will Mieten drosseln — reicht die Einstufung als „angespannter Wohnungsmarkt“?
Capdepera will Mieten drosseln — reicht die Einstufung als „angespannter Wohnungsmarkt“?
Capdepera beantragt die Einstufung als „angespannter Wohnungsmarkt“, um Mietkontrollen zu ermöglichen. Ein notwendiger Schritt, aber kein Selbstläufer. Was fehlt in der Debatte — und welche Werkzeuge braucht die Gemeinde wirklich?
Capdepera will Mieten drosseln — reicht die Einstufung als „angespannter Wohnungsmarkt“?
Leitfrage: Reichen eine offizielle Einstufung und ein Dossier, um die Mieten in Cala Rajada, Cala Mesquida und dem restlichen Gemeindebezirk nachhaltig zu senken — oder bleibt das Vorhaben reine Symbolpolitik?
Kurzfassung der Lage
Die Gemeinde Capdepera im Nordosten Mallorcas hat beschlossen, die Voraussetzungen prüfen zu lassen, ob sie als „angespannter Wohnungsmarkt“ eingestuft werden kann. Der Gemeinderat stimmte mit zehn Ja-Stimmen (fünf Més, fünf PSOE) für den Antrag, während die konservative PP dagegen votierte. Hintergrund ist das spanische Wohnraumgesetz: Wird ein Gebiet offiziell so klassifiziert, eröffnet das rechtliche Möglichkeiten zur Mietregulierung. Gleichzeitig beauftragt die Rathausverwaltung eine komplette Bestandsaufnahme der Wohnsituation — eine Ausweitung der bereits begonnenen Untersuchung des historischen Burgviertels auf das ganze Gemeindegebiet.
Kritische Analyse: Chancen und Hürden
Formal ist das ein sinnvoller Schritt. Aber zwischen Verwaltungsvorhaben und der spürbaren Entlastung einer Familie in Cala Rajada liegt ein weiter Weg. Ein paar Punkte, die man nüchtern durchdenken muss:
Rechtslage versus Realität: Die Einstufung erlaubt Instrumente zur Mietbegrenzung, doch ihre praktische Wirksamkeit hängt von Präzision der Daten, von klaren Kriterien für Mietobergrenzen und von Verwaltungs- und Kontrollkapazitäten ab. Kommunen allein können kaum alle Hebel ziehen — sie brauchen Unterstützung auf Insel- und Landesebene.
Ablenkung durch Politik: Dass der Antrag die Koalition gespalten hat, zeigt: Wohnungsbau und Mietschutz sind inzwischen auch ein politischer Platzhirsch. Wenn Maßnahmen eher dazu dienen, innenpolitisch Flagge zu zeigen, drohen halbherzige Maßnahmen ohne Nachhaltigkeit.
Rechtsstreitigkeiten und Marktreaktionen: Eigentümer können gegen Eingriffe klagen; Investoren könnten sich in andere Gemeinden verlagern. Unkoordiniertes Vorgehen einzelner Gemeinden kann Verdrängungseffekte in benachbarte Orte verstärken.
Was in der öffentlichen Debatte fehlt
Auf der Straße in Capdepera spricht man nicht nur über Parteinamen, sondern über bezahlbares Wohnen. Dennoch fehlen im Diskurs einige Aspekte: verlässliche, öffentlich zugängliche Zahlen zur Zahl der Zweitwohnungen; eine transparente Aufschlüsselung, welche Wohnungen saisonal vermietet werden; klare Aussagen zu Ausstattung und Alter der Bestandswohnungen; und ein belastbares Finanzierungskonzept für soziale Wohnungen. Auch die Folgen für lokale Gewerbetreibende und für den Tourismus werden kaum durchgerechnet — weder ökonomisch noch räumlich.
Alltagsszene
Am Vormittag in Cala Rajada: auf dem Paseo tuckern Lieferwagen, die Glocken der kleinen Kirche schlagen die Stunde, ein älteres Ehepaar sitzt vor dem Café an der Plaça und diskutiert über die Nachbarwohnung, die wieder leer steht — „nur in den Sommermonaten bewohnt“, sagt die Frau und winkt ab. Solche Gesprächsfetzen zeigen: Die Problematik ist keine abstrakte Zahl, sondern betrifft Nachbarinnen und Nachbarn, die morgens die Zeitung kaufen und abends das Licht im Supermarkt wechseln sehen.
Konkrete Lösungsansätze für Capdepera
Die Einstufung ist nur ein Werkzeug. Damit sie wirkt, braucht es ein Bündel aus kurzfristigen und strukturellen Maßnahmen:
- Detailliertes, öffentliches Register aller Wohnobjekte mit Status (Hauptwohnsitz, Zweitwohnsitz, touristische Vermietung).
- Temporäre Mietobergrenzen gekoppelt an lokale Einkommensdaten, flankiert von Härtefallfonds für Betroffene.
- Anreize für Eigentümer, langfristig zu vermieten: steuerliche Erleichterungen oder Zuschüsse bei Wohnungsinstandsetzungen für garantierte Langzeitmieten.
- Strengere Kontrollen gegen illegale touristische Vermietungen und klare Sanktionen.
- Investitionen in sozialen Wohnungsbau: Gemeindeflächen reservieren, Fördermittel beim Inselrat und bei der Balearen-Regierung einfordern.
- Koordination mit benachbarten Gemeinden und dem Consell, um Verdrängungseffekte zu vermeiden.
Fazit — pointiert
Capdepera macht einen notwendigen ersten Schritt, aber der Mut zur Einstufung allein reicht nicht aus. Ohne solide Daten, finanzielle Mittel und abgestimmte Umsetzung droht die Maßnahme zu einer politischen Geste zu verkommen, die kurzfristig Aufmerksamkeit erzeugt, langfristig aber kaum bezahlbaren Wohnraum schafft. Wenn Rathaus, Consell und Balearen-Regierung sich wirklich an einen Tisch setzen und klare, durchsetzbare Regeln samt Finanzierung vorlegen, könnte Capdepera dagegen ein Modell werden — andernfalls bleibt es bei Rufen von der Plaça.
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