
Lehrermangel auf den Balearen: Warum so viele Stellen offen bleiben
Zum Schulstart stehen viele Klassenräume leer: Auf den Balearen sind über die Hälfte der neu ausgeschriebenen Lehrstellen für die Sekundarstufe unbesetzt. Ein Blick auf Ursachen, Folgen – und mögliche Lösungen.
Lehrermangel auf den Balearen: Warum so viele Stellen offen bleiben
Gestern Morgen am Schultor eines Gymnasiums in Palma: Wind von der Bucht, Möwenschreie, Eltern mit heißem Kaffee in der Hand und an einer Tafel der nüchterne Hinweis, der den Puls kurz sinken lässt – etliche Lehrerstellen sind noch offen. Das ist kein lokal begrenztes Ärgernis, sondern ein strukturelles Problem: Mehr als die Hälfte der neu ausgeschriebenen Lehrerstellen für die Sekundarstufe auf den Balearen sind aktuell unbesetzt. Weitere Informationen dazu finden Sie hier.
Die zentrale Frage: Warum gerade hier so viele Lücken?
Die einfache Antwort führt zur Auswahlprüfung im Juni: deutlich weniger Bewerber bestehen als erwartet. Offizielle Zahlen zeigen, dass der Anteil unbesetzter Posten auf den Inseln mehr als doppelt so hoch liegt wie im spanischen Durchschnitt. Das spürt man im Schulalltag: Stundenpläne werden neu gestrickt, Fächer zusammengelegt, Leistungskurse fallen aus oder werden über Monate von wechselnden Vertretungen betreut.
Besonders prekär ist die Lage auf den Pityusen – Ibiza und Formentera. Die Inseln haben schon immer mit dem Grundproblem zu kämpfen: kleine Bevölkerung, hohe saisonale Kosten, eingeschränkte Wohnungssuche und logistische Hürden. Da fehlt es nicht nur an Mathe- oder Spanischlehrern, sondern auch an Fachkräften für Chemie, Physik und Fremdsprachen. Dies macht die Situation besonders herausfordernd, was auch die Diskussion um Führungsstellen auf den Balearen betrifft.
Was in der öffentlichen Debatte zu kurz kommt
Die Diskussion konzentriert sich oft auf die Prüfungsquoten – doch selten auf drei andere, weniger sichtbare Faktoren: Erstens die Attraktivität des Lehrerberufs auf den Inseln (Wohnkosten, befristete Verträge, wenig Perspektive). Zweitens die Hürden für ausländische oder zugezogene Lehrkräfte: Anerkennung von Abschlüssen, Sprachanforderungen (Katalan/Spanisch) und bürokratische Wartezeiten. Drittens die Ausbildungspraxis: Wie praxisnah sind die Prüfungen und Studiengänge wirklich?
Lehrerinnen, die seit Jahren auf Mallorca arbeiten, berichten von einer Mischung aus Frust und Improvisationskunst: "Wir füllen die Lücken, aber die Kontinuität leidet", sagt eine Gymnasiallehrerin aus Palma. In kleineren Orten hören Eltern, statt klarer Antworten, oft nur, dass man an Lösungen arbeite. Das beruhigt wenig, wenn das Abi naht und Leistungskurse fehlen, wie auch der Lehramt an der UIB zeigt.
Vertretungslehrkräfte als Flickschusterei
Viele der Kandidaten, die die Prüfungen nicht bestanden haben, werden laut Schulleitungen jetzt als Vertretungslehrkräfte angestellt. Kurzfristig pragmatisch, langfristig problematisch: Vertretungen bieten Flexibilität, bringen aber oft nicht die fachliche Tiefe oder pädagogische Erfahrung für anspruchsvolle Kurse. Gerade bei Oberstufen- oder spezialisierten Fächern ist das spürbar.
Die Gewerkschaft CCOO fordert deshalb, die Prüfungen praxisnäher zu gestalten – mit simulierten Unterrichtssituationen und längeren Hospitationen in Schulen. Das klingt sinnvoll, ist aber nur ein Baustein. Prüfungsreform, bessere Studienpraxis und attraktive Arbeitsbedingungen müssen Hand in Hand gehen.
Konkrete Maßnahmen – realistisch und schnell wirksam
Was also tun? Hier einige pragmatische Vorschläge, die im Gespräch mit Lehrkräften, Schulleitungen und Gewerkschaften auftauchen und sofort angegangen werden könnten:
1. Praxisnahe Prüfungen und Mentorenprogramme: Kombination aus Theorieprüfung und mehrwöchiger Hospitation mit abschließender Bewertung durch Lehrkräfte vor Ort.
2. Anreize für die Pityusen: Wohnungszuschüsse, temporäre Mietgarantien in der Saison, Fahrkostenerstattung für Pendler zwischen Inseln.
3. Schnelllehrgänge für Quereinsteiger: Verkürzte pädagogische Zertifikate mit Praxis-Blockwochen, begleitet von erfahrenen Mentorinnen.
4. Bessere Anerkennung ausländischer Qualifikationen: Eine Beschleunigung der Bürokratie und gezielte Sprachkurse (Katalan/Spanisch) könnten Talente heben, die bislang in Warteschleifen hängen.
5. Digitale Unterstützung: Hybridunterricht, bei dem Spezialfächer zeitweise per Videolehre aus dem Festland ergänzt werden, bis lokale Fachkräfte da sind.
Wer muss handeln?
Kurzfristig improvisieren Schulen – und das tun sie meist erfolgreich. Langfristig ist die Inselregierung gefragt: flexiblere Einstellungsmodelle, gezielte Förderpakete für Inseln, Kooperationen mit Universitäten auf dem Festland und eine Überarbeitung der Prüfungsmodalitäten. Das erfordert Mut, Ressourcen und vor allem Tempo.
Die Kinder dürfen nicht die Latenzzeit politischer Entscheidungen absitzen. Wer künftig Lehrerinnen und Lehrer auf den Balearen behalten will, muss mehr bieten als gute Stimmung beim Schulanfang: verlässliche Verträge, Ausbildung mit Praxisbezug und konkrete Anreize für das Leben auf den Inseln.
Ich bleibe dran und frage in den kommenden Wochen bei Bildungsbehörde, Universitäten und Schulleitungen nach – damit der Unterricht dort, wo er hingehört, auch wirklich bei den Kindern stattfindet. Die Herausforderungen, wie beispielsweise der Prüfungsstau auf den Balearen, müssen ebenfalls angesprochen werden.
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