Mallorca plant 60 km Fuß- und Radwege – reicht das für sichere Mobilität?

Mehr Platz für Radler und Fußgänger – aber reicht das? Mallorcas Plan für 60 km sichere Wege

Der Inselrat plant rund 60 Kilometer neue Fuß- und Radwege – fünf Abschnitte entlang von Landstraßen sollen sicherer machen. Gute Idee, aber bleibt das Netz zusammenhängend, werden Bäume geschützt und wer kümmert sich wirklich um die Pflege?

Fünf neue Strecken, ein klares Ziel – doch die Fragen bleiben

Es ist noch früh, die Sonne tastet gerade über die Kanten der Olivenbäume, wenn auf der Ma-13 die ersten Radler vorbeisausen. So beginnt der Alltag vieler Mallorquiner: Traktorgeräusche, ein Schulbus, der um 7:30 anhält, und Autos, die an engen Ortsrändern vorbeirollen. Der Inselrat hat nun knapp 6,5 Millionen Euro eingeplant, um rund 60 Kilometer neue Fuß- und Radwege zu schaffen. Fünf zusätzliche Verbindungen entlang von Landstraßen – unter anderem bei Alaró, zwischen Peguera und Camp de Mar sowie in Felanitx – sollen Familien, Pendler und Senioren mehr Sicherheit bringen. Gute Nachricht. Aber: Reicht das wirklich?

Die Leitfrage: Verbinden die neuen Viales Cívicos wirklich die Insel?

Ein Streifen Asphalt an der Ortsausfahrt ist das eine. Ein durchgängiges, benutzerfreundliches Netz das andere. Wer den Planern zuhört, bekommt Schlagworte wie Trennung von Fuß- und Radverkehr, bessere Beschilderung und punktuelle Beleuchtung. Doch das öffentliche Gespräch dreht sich oft um die sichtbaren Baustellen – nicht um die Verbindungslücken zwischen ihnen. Wenn die fünf neuen Abschnitte als Inseln im Straßengeflecht bleiben, ändern sie wenig am gewohnten Reflex: das Auto ist bequemer.

Das heißt nicht, dass die Maßnahmen wirkungslos sind. Erfahrung aus drei bereits existierenden Abschnitten hat gezeigt: klarere Wegführung verringert Konflikte, mehr Beleuchtung an Kreuzungen erhöht das subjektive Sicherheitsgefühl und Familien trauen sich eher aufs Rad. Aber damit das wirklich zu vermehrter Alltagsnutzung führt, muss die Planung über einzelne Bauabschnitte hinausgehen.

Was in der Diskussion oft zu kurz kommt

Erstens: Bäume und Landschaft. Manche Anwohner fordern, dass bestehende Alleen erhalten bleiben. Eine Schneise von Pollern und Randsteinen kann schnell zur Abholzung von Oliven- oder Pinienflächen führen, wenn nicht vorher alternative Linien geprüft werden. Zweitens: Wartung. Pflaster, Markierungen und Poller leben nicht von der Planung, sondern von der Pflege. Kleines Beispiel: Laub und Sand in einer Kehre machen einen hübschen Weg binnen Wochen gefährlich. Die Planer sprechen von Pflegeverträgen – das ist gut, aber wie werden die finanziert, wer kontrolliert, wie schnell wird auf Schäden reagiert?

Drittens: Schulwege und Busanbindung. An vielen Orten sind es gerade die ersten und letzten Kilometer zur Schule oder zur Bushaltestelle, die gefährlich sind. Viales Cívicos könnten hier als gezielte Programme für sichere Schulwege gedacht werden – mit reduzierten Geschwindigkeiten, zebraartigen Querungen und Schulhof-Zonen. Viertens: Durchgängigkeit der Signalisierung. Ein Weg, der an einer Kreuzung abrupt endet, lädt weder zum Weitermachen noch zum Umsteigen aufs Rad ein.

Konkret: Chancen und praktikable Lösungen

Die Insel hat jetzt eine finanzielle Ausgangslage. Damit die 6,5 Millionen Euro mehr als Flickwerk werden, schlage ich drei pragmatische Schritte vor: Erstens, ein Kartierungs- und Prioritätsverfahren: nicht nur dort bauen, wo Platz ist, sondern wo die Verbindungen fehlen – z. B. von Wohngebieten zu Gewerbezentren oder zu Bahnhöfen. Zweitens, Baum- und Landschaftspfade: vor der Fällung eine Bürgerbeteiligung und alternative Varianten prüfen. Drittens, ein flexibles Pflegekonzept mit klaren Pflichten, jährlichen Audits und einem kleinen Notfallbudget für prompte Reparaturen.

Außerdem: Tempo 30 an den neuen Abschnitten durchsetzen, nicht nur als Beschilderung, sondern mit physikalischen Maßnahmen wie Fahrbahnschwellen und klarer Querungsinfrastruktur. Und: Verbindung mit Bus- und Bahnangeboten – kombinierte Abstellplätze für Räder an Haltestellen, trockene Unterstände, und eine durchgehende Beschilderung, die Radfahrer sicher zum nächsten Verkehrs-Knotenpunkt leitet.

Wie sich der Alltag ändern könnte – und wo Vorsicht gilt

Stell dir vor, du fährst um 18 Uhr von Alaró Richtung Sóller. Du hast keinen schmalen Seitenstreifen mehr, sondern einen markierten Weg. Du hörst das Zirpen der Zikaden, den entfernten Motor eines Traktors – und spürst: weniger Stress. Oder du gehst mit den Kindern zum Plaça del poble, ohne ständig über die Fahrbahn zu spähen. Händler an der Markttag-Promenade hoffen auf mehr Laufkundschaft. Das sind reale Visualisierungen eines möglichen Alltags.

Aber: Wenn die Instandhaltung schlampig läuft, wenn Bäume fallen ohne Ersatz, oder wenn Abschnitte isoliert bleiben, dann bleibt die Luft raus aus der guten Idee. Die Bauphase selbst bringt temporäre Umwege – und genau dort entstehen oft die ersten Konflikte zwischen Anwohnern und Baufirmen. Transparenz und klare Zeitpläne würden hier viel Vertrauen herstellen.

Fazit: Ein Schritt in die richtige Richtung – mit Bedingungen

Rund 60 Kilometer Viales Cívicos sind ein Ansatz, keine Lösung. Die Investition von etwa 6,5 Mio. Euro ist ein Anfang, aber der Erfolg hängt von Details ab: Netz-Logik, Baumschutz, klaren Pflegeregeln und enger Verzahnung mit ÖPNV und Schulrouten. Wenn das gelingt, könnten wir bald entspannter durch den Alltag rollen – auf breiteren Wegen, mit weniger Hupen und mehr Zeit für einen Kaffee auf dem Plaça. Und wenn nicht? Dann haben wir schöne neue Streifen, die niemand wirklich nutzt.

Kurz und knapp: Fünf neue Abschnitte bis Anfang nächsten Jahres, rund 60 km, 6,5 Mio. Euro. Gute Idee, aber Planungsqualität, Baum- und Pflegekonzepte entscheiden über den langfristigen Erfolg.

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