
Sant Llorenç will das „goldene“ Weihnachtsdorf werden – Chancen, Risiken und ein Plan B
Sant Llorenç steht als Vertreter der Balearen im Rennen um ein aufwendig beleuchtetes Weihnachtsdorf. Ein Gewinn würde Glanz und Besucher bringen — doch die Gemeinde muss auch Fragen zu Energie, Lärm und nachhaltiger Nutzung klären.
Sant Llorenç im Licht der Weihnachtsbühne: Mehr Schein als Sein oder echte Chance?
Auf der Plaça sitzen am Markttag schon gegen elf die Frauen von nebenan mit Espuertas und diskutieren die roten Lichter, die vielleicht in zwei Wochen aufgehängt werden. Die Kirchenglocke bimmelt, ein Windhauch trägt Mandelduft aus den Gärten heran — und mitten in diesem Bild steht Sant Llorenç des Cardassar plötzlich als offizielle Vertreterin der Balearen in einem landesweiten Weihnachtswettbewerb. Die Leitfrage ist schnell gestellt: Kann ein solcher Wettbewerb echten Nutzen für ein kleines Dorf bringen, ohne lokalem Alltag und Umwelt zu schaden?
Wie die Abstimmung funktioniert — und warum das nicht alles sein darf
Die Auswahl läuft in mehreren Etappen: Online-Abstimmung, Eliminierungsrunden, Finale Mitte Dezember. Jeder mit Smartphone ist aufgerufen mitzuklicken. Das ist praktisch, sorgt aber auch für eine Demokratisierung nach Klickzahl statt nach langfristigem Konzept. Es ist verlockend, mitzubieten für Fotos, Social-Media-Posts und ein paar Wochen mehr Umsatz im Café an der Ecke Carrer Major — aber ist das eine nachhaltige Strategie für eine Gemeinde, deren Einwohner echten Alltag leben müssen? In Palmas Weihnachtsmarkt gibt es weniger Buden, neue Regeln, die eventuell auch auf Sant Llorenç Anwendung finden könnten, wie hier beschrieben: Weniger Buden, neue Regeln: Palmas Weihnachtsmarkt unter der Lupe.
Was der Gewinn konkret bringen würde
Frühere Gewinner erhalten kilometerweise energiesparende LEDs, Bühnenprogramme, und einen großen Weihnachtsbaum. Für Sant Llorenç könnte das kurzzeitig Besucher anziehen: mehr Gäste im Bäckerei-Eingang, volle Tische im Bar de la Plaça, Schüler, die als Helfer aushelfen, Senioren mit Plätzchenverkäufen. Das alles klingt nett und erzeugt eine andere, belebte Geräuschkulisse an sonst ruhigen Winterabenden.
Wenig beleuchtete Aspekte: Energie, Lärm und echte Partizipation
Doch es gibt Aspekte, die in der öffentlichen Diskussion zu kurz kommen. Erstens: Energie und Kosten. LEDs sparen zwar Strom, aber das Netz, temporäre Aggregate oder zusätzliche Beleuchtungsstunden bedeuten Verbrauch. Wie werden die Mehrkosten verteilt? Wer trägt Versicherung, Haftung für Installationen an historischen Fassaden, oder mögliche Schäden durch Wind und Salzluft?
Zweitens: Lärm und Organisation. Mehr Besucher heißt mehr Verkehr, Abstellplätze und Abfall. Die engen Straßen Sant Llorenç’ sind nicht Palma; Lieferverkehr, Anwohnerparkplätze und Ruhebedürfnisse müssen abgewogen werden. Drittens: Partizipation. Werden lokale Vereine und Handwerker wirklich eingebunden — oder landet die Deko als Paket von außen? Authentizität lässt sich nicht kaufen, sie muss wachsen.
Konkrete Chancen — wenn man sie klug nutzt
Trotz aller Skepsis liegen Chancen auf dem Tisch. Ein Gewinn kann dazu genutzt werden, lokale Produzenten ins Rampenlicht zu rücken: Mandelprodukte, Korbflechter, Keramiker. Schulen könnten Workshops geben, Senioren Backstände betreiben — das stärkt Gemeinschaft statt reinen Konsum. Technik, die installiert wird, könnte längerfristig für Dorffeiern oder kulturelle Abende genutzt werden, wenn man sie so plant.
Konkrete Vorschläge — ein kleiner Plan B für große Lichter
Wenn Sant Llorenç gewinnen will, sollte die Gemeinde jetzt drei Dinge verhandeln und planen:
1. Energie- und Laufzeitbegrenzung: LEDs mit Zeitschaltuhren, Messungen des Mehrverbrauchs und ein konkreter Plan, wer die Kosten übernimmt.
2. Lokale Einbindung: Ein Budgetanteil für lokale Handwerker, eine Koordinationsgruppe aus Vereinen, Rathaus und Jugendlichen, die Deko und Programm mitgestalten.
3. Nachhaltige Nachnutzung: Material so wählen, dass Lichter, Girlanden und Dekorationen wiederverwendbar sind — für Feste übers Jahr, nicht nur für zwei Wochen Glamour.
Ein bisschen Skepsis, ein bisschen Vorfreude
Am Bäcker wird gefragt: „Ist das nur Show?“ — und das ist eine notwendige Frage. Gleichzeitig hört man am Marktplatz Lachen, eine Lehrerin, die plant, ihre Klasse einzubinden, und einen Cafébesitzer, der hofft, später öffnen zu dürfen. Es kann also beides sein: ein Event, das kurzfristig glänzt, und eine Chance, die Gemeinde für die nächsten Jahre handfester zusammenzuschweißen, wenn man klug handelt.
Fazit: Stimmen sind jetzt gefragt — ein Klick kann Sant Llorenç ein besonderes Weihnachtsleuchten bringen. Doch noch wichtiger als der Glanz an sich ist, wie die Gemeinde diesen Glanz nutzt: für lokale Wirtschaft, für Gemeinschaft und für eine energie- und ressourcenschonende Umsetzung. Wenn das gelingt, bleibt der Zauber vielleicht länger als nur bis Dreikönig.
Kurzinfo: Die Entscheidung fällt am 15. Dezember. Bis dahin läuft die Online-Abstimmung — jede Stimme zählt, aber noch wichtiger ist ein Plan, damit der Lichterglanz nicht nur schillert, sondern auch nachhaltig wirkt. In einem weiteren Artikel wird über den verschobenen Weihnachtsmarkt in Palma berichtet: Verschobener Weihnachtsmarkt in Palma: Kompromiss oder Auftakt für langjährige Konflikte?
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