
Fest der Solidarität – und die Frage, wie lange nur Freiwillige retten können
Freiwillige verteilen Decken und Kleidung in Palma. Ehrenamtliche berichten von Todesfällen durch Kälte. Die Hilfe ist spürbar – doch sie ersetzt keine dauerhafte Politik.
Fest der Solidarität – und die Frage, wie lange nur Freiwillige retten können
Fest der Solidarität – und die Frage, wie lange nur Freiwillige retten können
Leitfrage: Reicht Anteilnahme aus, oder braucht Mallorca jetzt ein dauerhaftes System statt punktueller Hilfe?
Am frühen Morgen, wenn die Straßenbahnen noch leise schnaufen und die Markthändler ihre Stände aufbauen, stehen Ehrenamtliche mit Taschen voller Decken an bekannten Treffpunkten in Palma. Ein Mann namens Jordi verteilt Winterjacken, Schulkinder haben Socken und Thermobecher gebracht. Das Geräusch von Autos und Möwen mischt sich mit kurzen Gesprächen; die Helfer bleiben, bis die Sonne etwas wärmer wird. Viele Inselbewohner sehen solche Szenen und finden sie tröstlich. Aber die kleinen Aktionen sind nicht die ganze Geschichte.
Die bittere Realität: Freiwillige berichten, dass Menschen auf Mallorca an Kälte gestorben sind. Rubén Díaz von der Initiative Alma sagt, er habe selbst drei solcher Fälle miterlebt. Fälle, bei denen ältere Menschen und auch ein junger Mann, der im öffentlichen Raum übernachtet hatte, nicht überlebten. Solche Meldungen sollten uns aufwecken – nicht nur in der Weihnachtszeit.
Wer hilft, organisiert sich häufig über soziale Netzwerke. Gruppen verteilen Decken, warme Kleidung und Essen. Sie leisten unschätzbare unmittelbare Hilfe: Zeit, Nähe, das Gespräch. Genau darum geht es vielen Helfern. Doch die Versorgungslücke ist größer als die guten Gesten. Zahlreiche kommunale Stellen und soziale Dienste wirken überlastet, und es fehlt an systematischer Erfassung: Wie viele Menschen schlafen dauerhaft unter freiem Himmel? Wie viele leben in prekären Notunterkünften? Ohne verlässliche Zahlen bleibt die Antwort auf die Leitfrage unklar.
Ein zweiter Aspekt: Das Bild der Menschen auf der Straße hat sich verändert. Nicht nur alleinstehende Männer sind betroffen. Paare, Familien, Menschen aus anderen Regionen Spaniens und Zugewanderte – psychische Erkrankungen, Mietexplosionen, Arbeitslosigkeit und Bürokratie spielen zusammen. Die Vorstellung des allein süchtigen „typischen Obdachlosen“ greift zu kurz. Wer helfen will, muss das komplexe Geflecht aus Gesundheit, Wohnraum und sozialer Absicherung bedenken.
Was fehlt im öffentlichen Diskurs? Erstens eine ehrliche Bestandsaufnahme: verbindliche Zahlen, transparente Berichte der Gemeinden und regelmäßige Lagebilder. Zweitens ein klares Winterkonzept: erweiterte Notunterkünfte, mobile medizinische Teams und koordinierte Nachtbetreuung. Drittens präventive Maßnahmen: bezahlbarer Wohnraum, weniger bürokratische Hürden für Umverteilungen und ein stärkerer Fokus auf psychische Gesundheit.
Konkrete Lösungsansätze, die auf Mallorca machbar wären: Aufbau regionaler Streetwork-Teams, die regelmäßig morgens und abends Kontakt halten; ein verbindliches „Housing First“-Programm für die Insel; die Mitnutzung leerstehender Hotelkapazitäten in der Nebensaison als Übergangslösung; und eine zentrale Datenbank, in die NGOs und Kommunen ihre Einsätze eintragen. Schulen könnten in Sozialprojekten langfristig eingebunden werden – so wie heute am Weihnachtstag – damit junge Menschen nicht nur Spenden bringen, sondern auch lernen, wie strukturierte Hilfe funktioniert.
Praktisch heißt das: nicht nur einmalige Gabentische, sondern verlässliche Plätze mit Duschen, medizinischer Erstversorgung und Zugang zu Sozialarbeitern. Und: klare Zuständigkeiten zwischen Gemeinde, Inselverwaltung und den Hilfsorganisationen. Ohne diese Schnittstellen bleibt vieles Stückwerk.
Eine Alltagsbeobachtung aus Palma: Auf der Plaça de Cort steht häufig jemand, der seine Decke zusammenrollt. Einmal kam eine Sozialarbeiterin vorbei, sprach ruhig, notierte einen Namen – und zwei Wochen später sah man dieselbe Person in einem Tageszentrum, sauberer, mit einem warmen Tee in der Hand. Solche Übergänge gelingen, wenn Hilfe verlässlich und kontinuierlich ist. Wenn sie kuratiert wird und nicht nur aus gutem Willen besteht.
Die Helfer auf Mallorca zeigen, dass Solidarität existiert. Doch Mitgefühl darf nicht die Verantwortung des Staates ersetzen. Wenn Menschen wegen Kälte sterben, ist das Versagen des Gesamtsystems. Die Herausforderung ist, die Energie der Freiwilligen mit planbaren, finanzierten Strukturen zu verbinden.
Fazit: Wer an Weihnachten Decken verteilt, macht etwas Wichtiges. Aber die wirkliche Aufgabe beginnt am 26. Dezember. Für jene, die regelmäßig in den Straßen unterwegs sind, endet der Einsatz nicht mit den Lichtern am Passeig. Wenn wir wollen, dass keine Frau und kein Mann mehr an Kälte stirbt, müssen wir die kleinen Festtage der Solidarität in ein ganzjähriges, politisch verankertes System überführen.
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