
Fünf Gemeinden verlieren Einwohner – wer bleibt auf der Strecke?
Fünf Gemeinden verlieren Einwohner – wer bleibt auf der Strecke?
Sant Llorenç des Cardassar, Escorca, Estellencs, Mancor de la Vall und Banyalbufar verzeichnen Rückgänge. Warum trifft es gerade kleine Gemeinden – und was ist zu tun?
Fünf Gemeinden verlieren Einwohner – wer bleibt auf der Strecke?
Leitfrage: Warum schrumpfen gerade diese Orte, obwohl Mallorca insgesamt wächst?
Die Zahlen sind klar: In Sant Llorenç des Cardassar, Escorca, Estellencs, Mancor de la Vall und Banyalbufar sank die Bevölkerung im vergangenen Jahr. Gleichzeitig verzeichnet die Insel insgesamt Zuwachs und steht bei 960.270 Einwohnern. Die auffälligste Statistik: Escorca zählt nur noch 199 Bewohner und ist damit die kleinste Gemeinde Mallorcas – zudem die einzige mit anhaltender Abwanderung.
Das wirft die einfache, aber unbequeme Frage auf: Was läuft falsch, wenn einzelne Dörfer gegen den allgemeinen Trend ankämpfen müssen? Die offensichtlichen Antworten – fehlender Wohnraum und sehr hohe Immobilienpreise – stehen im Raum. Sie reichen aber nicht aus, um das Phänomen vollständig zu erklären.
Kritische Analyse: Es geht nicht nur um Quadratmeter. In den betroffenen Orten treffen mehrere Faktoren zusammen. Erstens: Einheimische Wohnungen werden oft in Ferienunterkünfte umgewandelt; das Angebot für Familien und junge Leute schrumpft. Zweitens: Preise und Nebenkosten machen das Leben auf dem Land unattraktiv, selbst wenn der Arbeitsplatz auf der Insel bleibt. Drittens: Infrastruktur – Busverbindungen, schnelle Internetanbindung, ärztliche Versorgung – ist in kleinen Gemeinden empfindlicher als in Palma. Wenn die Buslinie seltener fährt oder die Praxis schließt, entscheiden sich junge Eltern eher für eine Stadtadresse.
Was in der öffentlichen Diskussion meist fehlt: die Perspektive derer, die bleiben oder gehen. Über dem nüchternen Zahlenwert „199 Einwohner“ steht ein Alltag mit konkreten Problemen: leere Schulbänke, Eisdielen, die nur an Wochenenden geöffnet haben, und der Friedhof, vor dem ältere Menschen die Post abholen. Auf dem Dorfplatz in Escorca sitzt morgens vielleicht noch eine Handvoll Leute bei einem Café, während die Jugend die Berge verlässt, weil das Immobilienbudget für ein kleines Haus nicht reicht.
Konkrete Lösungsansätze, die nicht nur auf dem Papier funktionieren könnten: Erstens sind kommunale und regionale Anreize für leistbaren Wohnraum nötig – mehr Gemeindewohnungen, gezielte Zuschüsse für Familien und Förderkredite mit Niedrigzinsen. Zweitens: Regeln für die Umwandlung von Wohnraum in Ferienwohnungen verschärfen. Viele Gemeinden haben bereits Listen mit leerstehenden Immobilien; diese könnten priorisiert saniert und vermietet werden. Drittens: Mobilität stärken – bessere Taktung der Buslinien, Mitfahrzentralen ausbauen, Subventionen für Pendler. Viertens: digitale Versorgung: Glasfaser in die Bergdörfer bringt Homeoffice-Möglichkeiten und hält Berufstätige vor Ort. Fünftens: lokale Arbeitsplätze stärken durch Förderungen für kleine Betriebe, Handwerk und Landwirtschaft, die junge Menschen an den Ort binden.
Auf Mallorca gilt oft: Tourismus und Wohnraum konkurrieren um dieselben Flächen. Das muss nicht unbedingt heißen, dass Tourismus leiden muss, aber es verlangt Regeln und Prioritäten, die langfristig tragfähig sind. Beispiele, die bereits funktionieren könnten: Umsiedlung leerstehender Altbauwohnungen in Bürgerhand, kommunale Genossenschaften für Wohnraum und Kooperationen zwischen Gemeinden für gemeinsame Dienste (Arztbesuch, Schulbus, Breitband).
Alltagsszene: An einem windigen Vormittag in Banyalbufar ist die Promenade fast leer, das Meer blinzelt silbern, und der lokale Bäcker zählt beim Abwischen der Theke die wenigen Stammkunden. In Mancor de la Vall wartet eine junge Mutter an der Bushaltestelle auf den Schulbus, besorgt wegen der knappen Fahrzeiten. Solche Bilder sind es, die zeigen: Es geht nicht nur um Zahlen, sondern um Lebensqualität.
Was fehlt im öffentlichen Diskurs ist oft die Verantwortungsteilung: Land, Gemeinden, Regionen und private Investoren müssten sich an einen Tisch setzen – aber nicht nur, um Förderprogramme zu verhandeln, sondern um verbindliche lokale Pläne vorzulegen. Solche Pläne sollten Fristen, konkrete Projekte und messbare Ziele enthalten: Anzahl neuer Sozialwohnungen, verbesserte Busverbindungen, Glasfaseranschlüsse.
Ein pointiertes Fazit: Wer will, dass kleine Gemeinden lebendig bleiben, muss mehr tun als Kondolenzformeln für „den demografischen Wandel“ auf Twitter. Es braucht Mut zu lokalem Planen, finanzielle Mittel und klare Regeln für Wohnraumnutzung. Sonst droht die Insel in einigen Jahren ein anderes Problem: eine Karte mit schönen Ortsnamen – aber ohne die Menschen, die dort leben.
Für Dich gelesen, recherchiert und neu interpretiert: Quelle
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