
„In Deutschland war ich oft allein“: Warum Sali Düsseldorf gegen Mallorca tauschte
Sali arbeitete in Polen, fuhr Lkw in Düsseldorf und verbringt jetzt die Saison auf Mallorca – mit drei Jobs, einem Zimmer mit Meerblick und einer bunt gemischten Freundschaftsgruppe. Warum er trotz harter Arbeit hier lieber bleibt, erzählt er aus El Arenal.
Von der Fabrikhalle über die Autobahn an die Strandpromenade: ein moderner Arbeitsweg
Ich treffe Sali an einem Montagmorgen in El Arenal, direkt am Hafen. Die Möwen kreischen, irgendwo brutzelt eine Bratwurst am Imbissstand, und der Hafenwind trägt den Geruch von Salzwasser und Motoröl. Der 37‑Jährige lacht viel, spricht schnell und wechselt zwischen Arabisch, Polnisch, Spanisch, etwas Deutsch und einem Hauch Englisch. Seine Route durch Europa liest sich wie die Kurzfassung eines neuen Wanderarbeitertums: Fabrikarbeit in Polen, ein Jahr Lkw‑Fahren in Düsseldorf, und nun die Saison auf Mallorca mit drei Jobs gleichzeitig – Küche, Service, Strand. In Deutschland war ich oft allein: Warum Sali Düsseldorf gegen Mallorca tauschte.
Polen: harte Arbeit, echte Freundschaften
In Polen arbeitete er in einer Fabrik. „Hart, ja. Aber ich hatte Freunde“, sagt Sali und zuckt mit den Schultern. Samstags der Markt, abends Bier mit Kollegen, gegenseitige Hilfe bei Papieren – Rituale, die mehr sind als Freizeit. Er hat Polnisch so gut gelernt, dass er manchmal sogar auf Polnisch träumt. Das Erzählen über Polen klingt warm, fast wie eine zweite Heimat: soziale Netze, gemeinsame Pausen, eine Sprache, die Türen öffnete.
Düsseldorf: gutes Geld, wenig Herz
Deutschland war anders. „Das Geld war besser — netto rund 1.600 Euro —, aber ich war oft allein“, sagt er. Als Lkw‑Fahrer fuhr er lange Strecken, die Tage waren geregelt, die Abende leer. Höflichkeit traf auf Distanz: Fahrkartenkontrollen, Bußgelder, das Gefühl, laufend erklärt werden zu müssen. Trotz Sprachkenntnissen blieb die Rolle des Ausländers für viele sichtbar. Für Sali wurde das mühsam, fast schwerer als die körperliche Arbeit. Die Frage, die er sich stellte: Will ich hier noch länger atmen, mit diesem Geschmack von Fremdheit?
Mallorca: Sonne, Schichtplan, soziale Luft zum Atmen
Auf der Insel ist vieles improvisierter. Die Schichten sind lang, Pausen kurz, die Arbeit körperlich. Doch es gibt etwas anderes: eine entspannte Art im Umgang, ein „es reicht zu sein, wie du bist“. Sein Vermieter, ein Hotelchef, gab ihm ein kleines Zimmer mit Meerblick zu einem Preis, der für ihn fair ist. Die Abende sind gemeinschaftlich — Sangría, gemeinsames Kochen, Fahrgemeinschaften zur Schicht. „Hier muss ich mich nicht ständig erklären“, sagt Sali. In El Arenal kennt er die kurzen Wege: der Bäcker, der Handyladen, der Kollege, der morgens die Kaffeemaschine repariert. Das soziale Kapital zählt oft mehr als der höhere Lohn. Wenn ein Job nicht reicht: Warum Mallorcas Menschen oft mehrere Schichten schieben.
Zwischen Prekarität und Schutz: die unbequeme Frage
Doch die Sonnenkulisse darf nicht darüber hinwegtäuschen: Saisonarbeit bleibt prekär. Drei Jobs, unsichere Stunden, kaum Sozialversicherung über die Saison hinweg — das sind Fakten, die viele weniger sehen, wenn sie nur die Postkartenmotive kennen. Sali pendelt außerhalb der Saison zwischen Polen und Tunesien, schickt Geld nach Hause und sichert so das Jahr. Mallorca bietet Einnahmen und Netzwerke, aber keine Garantie für Stabilität. Als das Geld verschwand: Wie Andrea auf Mallorca sich mit Spanisch ein neues Leben schenkte.
Was in der öffentlichen Diskussion oft fehlt
Das Gespräch mit Sali wirft eine Leitfrage auf: Warum entscheiden sich Menschen trotz harter Arbeitsbedingungen für Orte wie Mallorca? Die Antworten sind vielschichtig: gemeinschaftliche Nähe, verständliche Alltagssprache, ein Vermieter, der einen Platz zur Verfügung stellt, weniger tägliche Anfeindungen. Die Debatte um „Saisontourismus“ bleibt oft bei Zahlen — Betten, Einnahmen, Müllaufkommen. Weniger behandelt wird die soziale Infrastruktur derjenigen, die die Insel am Laufen halten: Wohnbedingungen, Beratung für Migrantinnen und Migranten, Zugang zu Gesundheits‑ und Beratungsangeboten, Anerkennung von Qualifikationen.
Konkret: Chancen und Lösungen
Ein paar Ideen liegen nah und sind vergleichsweise klein zu realisieren, hätten aber Wirkung: stärkere Kontrolle von Arbeitsverträgen in der Saison, Transparenz bei Stunden und Sozialabgaben, verbindliche Mindeststandards für vermittelte Unterkunft, niedrigschwellige Beratungsstellen an touristischen Knotenpunkten, mehr Angebote in mehreren Sprachen — vom Gesundheitscheck bis zur psychologischen Beratung. Auch lokale Initiativen, die Austausch zwischen Saisonarbeitenden und länger ansässigen Nachbarn fördern, können helfen, das Gefühl der Zugehörigkeit zu stabilisieren. Nicht nur Mallorca: Warum so viele Deutsche anderswo heimisch werden.
Ein persönliches Fazit: Für Sali geht es nicht nur ums Geld. Es geht darum, an einem Ort zu leben, an dem man nicht dauernd seine Herkunft erklären muss, an dem man nach der Schicht lachen kann und am nächsten Morgen wiederkommen darf. Mallorca ist für ihn aktuell kein sicheres Ende, eher eine Atempause mit Meerblick — und das zählt für viele mehr, als es die nackten Zahlen zeigen.
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